Es ist Herbst

„Ja, der Wolf gefährdet die Freilandhaltung in der Landwirtschaft, diesen Rückschritt sollten wir nicht riskieren!“ Das bayrische Fernsehen läßt einen oberbayrischen Bauern dieses Statement unhinterfragt und widerspruchslos mit ernster Miene aus dem Bildschirm erbringen. Im Rahmen der Berichterstattung zur Demonstration des lebendigen Brauchtums bezüglich Erntedank marschieren ganze Hundertschaften, herausgeputzt im garantiert ursprünglich echten Festtagstrachtengewand in Begleitung von Blasmusik und geistlichen Herren auf die Kirche zu, um zu segnen, dem lieben Gott und  seinem Personal von Lagerhaus und Aldi zu danken für die aufgetürmten, von fleissigen Frauenhänden kunstvoll arrangierten  Gaben, denn ich wüsste nicht, welche Bäuerin noch einen Kartoffelacker oder Krautgarten bewirtschaftet oder gar eine selbstgemachte Butter hätte … die wunderschön arrangierten Kornähren wurden noch vor dem Mähdrescher abgeschnitten, das was keinen guten Preis macht auf dem Feld, wandert in die Biogasanlage, dort wird … UnsertäglichesBrotgibunsallen … gewinnbringender vermarktet, weil verbrannt.

Und mittenhinein in die Dankesfeierlichkeiten kommt die Nachricht, es wären fünf Wölfe abgängig, einer sei schon vom Zug überfahren worden, ein weiterer abgeschossen und selbstverständlich sind die weiteren zum Abschuß freigegeben, außer, sie würden sich bereitwillig fangen lassen. Ja, und diese drei Graubärte sorgen jetzt für große Aufregung. Wenn ich mir überlege, wo im Umkreis von fünfzig km noch Bauernhöfe sind, auf denen tatsächlich Tiere frei herumlaufen, kommt das einer Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen nahe, aber egal, der Wolf muß weg, denn die Rehe mag der Jäger selber schießen. In welch einem Land leb ich eigentlich, sind das wirklich meine sogenannten „Landsleute“? Gehör ich da dazu? Das frag ich mich oft. Manchmal sage ich: ich bin keine von euch, auch wenn wir die Sprache teilen. Manchmal ist das Daheim fremder als die Fremde.

Der Sommer ist heiß und macht Versprechen, die er nicht halten kann, er altert plötzlich über Nacht und geht in die Knie. Kübelweise läuft durch die Birken gelbe Farbe, tropft von den Blättern, rinnt am Stamm hinunter und versickert im Boden.

Ich möchte schnell die Stiege hinauf und schlage mir die rechte große Zehe so an der Stufe an, daß der Nagel abreißt. Das Gehen wird mühsam, ich muß mich umgewöhnen und den ersten Schritt immer mit links machen … der Schwerpunkt muß links sein … ein kleines Gegengewicht zum Rechtsruck in diesem Land … mein Vater war  ein überzeugter „Sozi“, genauso sein Freund, unser Hausmaurer, der immer sagte: „Ich bin ein Arbeiter und Arbeiter wählen die Sozis und da gehört auch dazu, daß man sie wählt, wenn es ihnen nicht gut geht, dann erst recht! Da ist was dran.

Alte Dokumente kommen zum Vorschein, eine Urkunde auf den Namen meines Ururgroßvaters zum Kauf des Hofes, Schuldscheine, der höchste beträgt 1000.-Reichsmark, eine Unsumme damals, es war unmöglich, soviel Geld jemals zurückzubezahlen … sehr arm waren sie, meine Vorväter, die Gütler … der Hof, ein „Sacherl“ … oder in Schriftdeutsch: „Gütel“.

Ich finde ein Schriftstück zu einer Kriegs – Denkmünze von „erbeuteter Kanonen – Bronze für Kombattanten  in Anerkennung von pflichtgetreuer Theilnahme am siegreichen Feldzuge 1870-1871 im Regiment von Prinz Luitpold “ … Auf Befehl seiner Majestät des Kaisers und Königs … ein „Unterkanonier“ war er wohl der Urgroßvater, zu mehr werden es so arme kleine Bauern auch kaum gebracht haben … Ich scheue immer ein wenig davor zurück, all die Papiere anzusehen, zu groß wird mir die vererbte Verantwortung. Eine abgrundtiefe Hoffnungslosigkeit , auch durch lebenslange Schufterei und Plagen niemals aus der Armut herauszukommen, steigt aus den ganzen brüchigen Papieren auf und greift mit kalten Fingern nach mir.

Es regnet. Es ist kühl. Es ist Herbst.

Die Äpfel, in großer Mühe und mit Kreuzweh aufgesammelt, gären vor sich hin und werden zu köstlichem Most, um ihn zu trinken und zu plaudern und zu scherzen, werden wir liebe Gäste einladen und mit ihnen um den Stubentisch herumsitzen. Eines Tages im Herbst stelle ich mir immer die gleiche Frage:  … wen würde ich anrufen, wenn ich mitten in der Nacht  irgendwo in große Not geriete? Wer würde kommen, auf wen kann ich zählen, wer würde wohl sagen: “ Ach, das tut mir  jetzt so leid, sonst immer gern, aber weißt Du, ausgerechnet heute … “ Diese Frage ist nicht ganz ungefährlich, zeigt sie doch manchmal ganz unerwartete Möglichkeiten und den „Stand der Dinge“ in Beziehungen. Selbstverständlich würde ich eh niemanden anrufen, aber bei wem würde ich mich trauen, mich zuzumuten in großer Angst und Schwäche … ? Es sind nicht viele, die dieser Frage standhalten und immer wieder bin ich überrascht, wer es ist.

Es ist Herbst, manches ist nicht mehr möglich, aber immer noch dreht sich das Karussell und ein paar Runden sind schon noch drin.

Das Glück ist eine Entscheidung.

Nackt

Sie zieht mich nach Karlsbad mit ihren kühlen Gespensterarmen.
Mit ihren warmen Mutterarmen will sie mich ihrem Vater vor die Füsse legen oder bringt sie mich zu ihm ans Totenbett? Schau, das ist Dein Großpapa, würde sie sagen zu mir, ihrem nackten, blutverschmierten Neugeborenen.
Ihrem über alles geliebten Papa würde sie mich zeigen wollen. Da liegt er im Spital, todkrank mit Anfang vierzig, die paar Schritte von der Wohnung in der Röhrengasse Nr. 1 zum Sanitätsauto ist er noch selber hinuntergegangen. Dies sei eh sein letzter Weg, soll er gesagt haben, dann ist er bald darauf gestorben. Sie, die Grete, war bei ihm, nur nach ihr hat er rufen lassen und sie ist gekommen, hat er sie jemals beschützt oder war sie ihm lästig? Sie ist ihr Leben lang ein heimatloses Theaterkind geblieben, den Kopf voller Operettenmelodien. Nie hat sie von diesen letzten Stunden erzählt, als sie ihrer großen Liebe die Hand hielt, um über das Seil zu balancieren …nur dieses Lied, das hat sie gesungen, oft und oft, lächelnd und mit wehen Augen …

„oh, mein Papa, war eine wunderbare Clown
oh mein Papa, war eine große Kienstler,
hoch auf die Seil, wie war er herrlich anzuschaun,
oh mein Papa, war eine scheene Mann …
Hollahopp …hollahopp … hollahopp …“

Ich gehe die steile Röhrengasse hinauf und hinunter, sieht man es dem Ort an, daß hier mein Großpapa seine letzten Schritte tat?
Traumwandlerisch gehe ich durch die Stadt, da und dort warten die Gespenster, meine Mutter im flatternden Nebelgewand mitten im brütendheissen Karlsbad zeigt mir das Theater, dort hat sie geputzt, als das Geld in der Familie nicht reichte, dort hatte mein Urgroßvater sein Photoatelier, und von dort aus fuhren sie los mit seiner Wanderbühne, über die Dörfer … die böhmischen Dörfer und spielten Theater … einmal ist der Motor des Transporters mitten auf einem Bahnübergang abgestorben und der Zug fuhr ihn über den Haufen, alles kaputt, alle Requisiten, einfach alles. Überall winken mich Geisterhände heran und wenn ich hinkomme, weichen die Gestalten vor mir zurück und lösen sich auf.

Ich gehe durch eine Stadt, die mal was anderes war, als sie heute ist. Sie ist nicht zugänglich. Überall stehen Theaterkulissen aus längst vergangenen Zeiten herum, oft sind noch verblichene deutsche Namen und Geschäfte zu sehen.
Meine Mutter lebte in der österreichischstämmigen Theaterfamilie, die sind alle freiwillig gegangen, wären nicht vertrieben worden, meine Mama war ein paar Tage mit einem Soldaten aus Mönchengladbach verheiratet und wurde dadurch zur Deutschen und deshalb verjagt.
Was mache ich hier, was suche ich hier?

Soviele Fragen hätte ich an meine Mutter. Ich trage Fotos mit mir herum, da scheint sie glücklich gewesen zu sein … auf dem Hochzeitsbild mit meinem Vater ist sie eine andere geworden.

Sie begleitet mich auf Schritt und Tritt, aber wenn ich sie ansehe, ist sie durchsichtig …
„So durchsichtig, dass es weh tut.
Sie verschwindet nicht
Nie
Nicht
solange wie das, das es nicht gibt, wehtut
Sie tut weh
die gute Mutter
die es nicht gibt
die es nicht gab
als sie hier war.“

Wir gehen durch die Stadt, die Geister und ich. Ich laufe meiner Mutter nach, die  läuft vor mir her und ihrem verlorenen Vater nach … was für ein Spuk, wenn ich stehenbleibe, bleiben sie auch stehen, die Orte ihrer Existenzen sind verschwunden, die Vergangenheit ist soweit vergangen, ich erspüre sie nicht mehr. Ein Ort bleibt noch.

Wir fahren nach Mariaschein, dort nahm alles seinen Anfang, dort begegnete mein Großvater einer jungen strahlenden Schönheit und zeugte mit dieser Frau meine Mutter.

An meinem 65. Geburtstag stehe ich am Taufstein der Wallfahrtskirche Mariaschein (Bohosudov) und denke an die Taufgesellschaft im April 1922, als hier der Pfarrer meine Mutter über das Taufbecken hielt.

Nichts.

Ein Nichts umfängt mich in dieser heruntergekommenen, abbröckelnden Kirche. Sie sind alle weg. Alle Vergangenheit ist vergangen, ich spüre nichts. Die Gespenster hat wabernder Nebel verschluckt, ich sehe Generatoren in der Brunnenkapelle und ich sehe ein ehemaliges riesiges Lager neben der Kirche, da war ein Teil der vielen Roma untergebracht, die anstelle der vielen verjagten sogenannten Sudetendeutschen hier angesiedelt wurden.

Ich bin hierher gekommen, um an den Orten zu sein, wo die Geschichte sich so formte, daß irgendwann an einem Kreuzungspunkt ein flüchtiger kosmischer Gedanke sich so verdichten konnte, daß er sich in meiner Existenz materialisierte.

An einem Bahngleis stehe ich, vielleicht sogar an jenem,  wo sie in Viehwaggons verladen wurde, um aus der einen Heimatlosigkeit in die nächste zu fahren. Mir ist, als käme ein riesiger Strom Menschen daher, auf mich zu … und als ich stehenbleibe, gehen sie einfach weiter … sie schreiten durch mich hindurch … für einen Augenblick bin ich in ihnen und sie in mir … dann steh ich da wieder alleine , neben mir eine schwarzweiße Katze, die sich auf einem Stein in der Sonne räkelt …

Das kursiv gedruckte Zitat stammt aus :

„Wider die Kunst“ (Die Notizbücher) von Tomas Espedal, Suhrkamp 2017

 

 

Der Himmel über Naumburg

Unsere Schritte hallen auf dem matt glänzenden Kopfsteinpflaster  durch das nächtliche mittelalterliche Städtchen. Gelblicher Lichtschein strömt aus den Straßenlaternen … oder sind es Fackeln? Eine Gruppe Jugendlicher kommt uns entgegen:  „Guten Abend!“ sagt jeder freundlich zu uns … was war das denn – ja, jetzt hab ich mich aber auch gewundert … wir bleiben stehen und lächeln uns an, dann werde ich nachhause gebracht zu meiner Pension, wie sich das gehört. Gute Nacht Bludgy, schön war es heute, ich freue mich auf morgen!

Ich gehe die Steintreppen hoch zur Ferienwohnung im vierten Stock eines alten Stadthauses, in die ich am Vortag eingezogen bin, um in den nächsten Tagen der Einladung eines Bloggers zu folgen. Wir sind uns im Schreiben vertraut geworden und möchten jetzt die Personen kennenlernen, die wir „in Wirklichkeit“ sind. Das ist eine höchst riskante Angelegenheit, denn wie ein Mensch sich schreibend darstellt, muß nicht unbedingt zur Realität, die er ausstrahlt,  passen.

Ich befrage die Zimmerwirtin, wo der vereinbarte Treffpunkt genau ist.  Muddi, sag mal, hamm wir da nicht am Kramerplatz so´n Ding, was da rumsteht, Germanschia soll das heissen? Naaa … bekomme ich in der hiesigen Sprachfärbung hilfsbereit mitgeteilt, da steht was! Naaa!

Treffpunkt zwölf Uhr, High Noon, brütende Hitze, verschwitzt und aufgeregt renne ich also zur „Germania“ und da steht einer und sieht mir schon entgegen, freundliche Augen, hell wie weit geöffnete Fenster, Servus, freu mich, ja, ich mich auch! Warmer Händedruck, wir lachen uns an, ein guter Anfang, jetzt kanns losgehen!

Und wir gehen los! Da der arme Riffmaster samt Frau Gemahlin mit Motorschaden auf der Autobahn bei Bayreuth liegenblieb (nicht der erste, der dort gestrandet ist…), bekomme ich alleine das Stadt- und Landführungsprogramm und erlebe eine Fülle von Eindrücken und werde so reich beschenkt, daß ich, die immer hungrig ist, es am letzten Abend nicht mehr in die Kneipe schaffe zu einem Abschiedsbier, weil mein enormer Sättigungsgrad an Geschichten aller Couleur, tiefen Gesprächen, unglaublich viel Gelächter und das Bergaufgehen zu den „Burgen stolz und kühn“  mich nur noch mit letzter Kraft in den vierten Stock raufkriechen läßt, um am Abreisetag quer im Bett in Schuhen und dem Programm des wunderbaren Orgelkonzerts in der Hand wieder aufzuwachen …

Eigentlich ist es doch komisch, daß ich vor meiner Abreise daheim sage, ich fahre in den Osten, wo ich doch selber aus dem Osten komme! Was redest du denn, wir leben doch nicht im Osten, sagt Herr Graugans. Ja wo denn dann? Wir leben im Süden, das hier ist der Süden! Das hier ist der südöstlichste Punkt der Republik, sage ich. Nur Süden, sagt Herr Graugans, der Osten ist ganz woanders. Aha.

In der Domstadt frage ich Bludgeon Löcher in den Bauch, daraus hervor quellen Antworten, die mich verwirren, begeistern, beschämen, verwundern, erfreuen, meinen Wissensdurst befriedigen und gleichzeitig so viele Fragen aufwerfen … ich liebe es, gefüllt mit Antworten aber gleichzeitig mit mindestens sovielen neuen Fragen von einer Reise heimzukehren.

Viel viel sprechen wir darüber, ob es denn immer noch diesen Unterschied zwischen Ost und West im gemeinsamen Land gibt. Diese angebliche Kluft, gibt es die denn jetzt auch zwischen uns, Bludgy, wir sind uns doch sympathisch, oder, wir haben uns so viel zu sagen und wir lachen über die gleichen Sachen, es trennen uns doch nicht soviele Jahre oder soviele Kilometer, wo ist denn diese Kluft? Du bist in der damaligen DDR aufgewachsen und ich in der damaligen BRD, ist es das … ?

Aber, was bedeutet denn das, ein „Ossi“ oder ein „Wessi“ zu sein, gibt es denn das überhaupt … sag mal, bin ich also auch eine „Wessi“?  Hmmmmm …naja …

Ich stelle ziemlich viel blöde Fragen, er nimmt es gelassen hin und beantwortet alles, aber auch alles, klug und freundlich und ich lerne und lerne zu erkennen, wie wenig ich doch weiß.

Da breitet einer vor mir sein Leben aus, fährt mich an die Schauplätze seiner Geschichten, ich sehe einen kleinen Buben in der Nische der roten Felswand auf die alte Bäuerin warten, die ihn zum Kindergarten bringt, gehe an seiner Schule vorbei, da, schau mal, das ist das Haus, in dem der Henker lebte, ein Geächteter … ein sonderbares Schild deutet darauf hin …  erfahre, wie die Stadt aussah vor der Wende, wir suchen das fleischfarbene Kruzifix im Dom, ich spüre verschiedene Strömungen, ja, das Gebäude hatte mehrere Baumeister,  Frösteln beim genaueren Blick in das traurige Gesicht der Uta, die den Mantelkragen hochschlägt vor ihrem Mann … der Löwenkopf zwischen ihnen … merkwürdig … ein wildes Eichhörnchen, im Hamsterrad gefangen…warum weht vom Turm der Burg eine ukrainische Fahne? Die Jüdengasse … hier war das Ghetto … um 1500 mussten die Juden die Stadt verlassen … meine Güte … das holt mich herunter aus den Wolken, in  denen ich im vierten Stock meine zu leben … wir fahren durch einen Wald, die Bäume wachsen so hoch hinauf und bilden ganz oben eine Art Kuppel, ein grüner Dom … und dazu klingt Genesis … bitte lauter … noch lauter … Waaaaahnsinn, soooo schön ist´s jetzt! Und auf der Lichtung ertönt Priesnitz, Du weißt schon, die Musik im Film „Alois Nebel“, da braucht man nichts mehr sagen, nur zuhören und sich freuen. Später ein Besuch im Rosengarten mit Besichtigung eines riesigen Kopfes im Boot.

Am Abend dann Wandelkonzert, auf zwei Kirchen aufgeteilt, in der Pause marschiert das Publikum samt Organisten von der Wenzel- in die Marienkirche. Es ist immer noch so heiß und ich bin müde, aber natürlich lasse ich mir von der unwiderstehlichen Toccata und Fuge d-Moll, BWV 565 mein Herz öffnen und meinen Geist frei schweben!

Vieles, was wir noch erlebten, in diesen paar Tagen, hat Bludgeon so liebenswürdig beschrieben auf seinem Blog.

Ein paar Rätsel sind geblieben und harren der weiteren Ergründung: der Unterschied zwischen Thüringer (Kartoffel) Klößen und den bayrischen (Semmel) Knödeln scheint einem Mysterium gleichzukommen, auch die Tatsache, daß Rhabarbersaftschorle in manchen Regionen unseres Landes die Gläser blindmacht und woanders nicht, und keineswegs zureichend erklärt ist die Frage, wo denn die Meerkatzen zur damaligen Zeit herkamen, um Schach zu spielen im Dom?

 

Vielen Dank für diese wunderschönen Tage in einem bezaubernd freundlichen Städtchen, ich bin so reich beschenkt worden und muß auf dem Weg zur Autobahn soviel schmunzeln über alles, was wir so erlebt haben, daß ich plötzlich durch den Blütengrund fahre … anscheinend soll ich noch eine Abschiedsrunde drehen, um erst dann Richtung München den bayrischen Bergen entgegen zu fliegen.

Bis bald, lieber Bludgeon!

 

Venus …

Manchmal kommt mir das Leben vor wie die Lobby in einem kleinen schäbigen Hotel, wer gerade nichts zu tun hat, sitzt herum in knirschenden Ledersesseln vor oder hinter verkümmerten Topfpflanzen … Musikberieselung  und manchmal Stimmengewirr im Hintergrund … manchmal geht wer hinaus … manchmal kommt wer herein … manche tun so, als wären sie enorm beschäftigt … und ein paar sitzen herum, denken über verpasste Chancen nach, nippen an Drinks und schauen der Zeit beim Verstreichen zu … ich sitze da und halte in der einen Hand ein leeres Blatt Papier und in der anderen einen warmen Martini … jetzt ein Gedicht schreiben können … denke ich … aber wo sind bloß die Wörter, wenn man ihrer bedürfte?

Angeblich hatte meine Mutter ein Kind mit einem Mann, den sie im Lazarett kennenlernte und mit dem sie ein paar Tage verheiratet war, bevor er wieder an die Front musste. Kann nicht sein, sagen meine Tanten … da war doch auch noch dieser Partisan … weißt du noch, Venus hieß er …was für ein merkwürdiger Name, nicht wahr, mit dem hatte sie auch was …

Ich habe so stark abgenommen, mir ist ein wenig flau, haucht der Mond mit dünner Stimme, und beugt sich durchs offene Fenster, darf ich mich kurz in Deinen Fauteuil setzen?

Na gut, sage ich und rücke ein wenig zur Seite.

Hinterm Tresen fragt mich einer, ob ich noch einen Martini möchte und schaut mit feuchten Augen durch mich hindurch.

Dann dreht er die Musik lauter.

Im Weg …

Es ist schon finster, als ich durch den Wald zum Dorffriedhof radle, um die Blumen am Grab zu gießen. Vor über fünfzig Jahren, welchen Weg hat sie eingeschlagen damals, auf ihrem grünen Damenfahrrad, das ihr mein Vater geschenkt hatte? Sie muß in der Nacht losgefahren sein, denn am Morgen war sie nicht mehr da. Noch heute träume ich manchmal davon und werde wach mit Herzklopfen, von trockenem Schluchzen und Entsetzen geschüttelt, mit der gleichen Angst wie damals, als sie verschwand.

Die Schwanenjungfrau im Märchen wird von einem Mann eingefangen, und ihr Federkleid kommt an einen geheimen Ort, hinter Schloß und Riegel in eine Truhe. Als sie nicht mehr wegfliegen kann, ergibt sie sich, läßt ihre Wildnatur zähmen, wird eine brave Ehefrau, eine  treusorgende Hausfrau und liebevolle Mutter …

… manchmal kommt sie zur Morgendämmerung aus dem Wald zurück und bringt eine Schürze voller Pilze mit. Sie ist unglücklich und keiner merkt es, denn sie ist gut gelaunt, erzählt alte Theatergeschichten und sie hat dieses glucksende, ansteckende Lachen. Sie kann über alles lachen, auch über sich selbst. Sie kommt aus einer anderen Welt, sie passt nicht hierher und sie kann die Anforderungen an sie nicht erfüllen …  Sehnsucht bleibt.

Eines Tages findet sie den Schlüssel zur Truhe und fliegt weg.

Eine Art, die Geschichte weiterzuerzählen ist, daß die Schwanenfrau eine Zeitlang nachts kommt, um ihr Kind zu versorgen und zu trösten … eine weitere Variante wäre, daß der Mann sich auf den Weg macht, seine Frau zu suchen, und sie nach vielen Abenteuern auch findet, den wilden Zauber von ihr nimmt und sie heimholt und dann leben alle glücklich bis an ihr seliges Ende.

In unserer Variante hat sie der Vater auch gefunden, ziemlich weit oben in den Berchtesgadener Bergen, er hat sie lachend und scherzend bei der Heuarbeit  angetroffen, bei Bekannten mit einem Bauernhof am ziemlich wilden und verwahrlosten Rande der Zivilisation. Er hat sie mitsamt ihrem grünen Rad in den VW Bus gepackt und wieder heimgebracht.

Ein, zwei Jahre später ist sie gestorben, meine notdürftig domestizierte wilde Mama.

Nie hat sie mit mir gesprochen über ihr Verschwinden und im Nachhinein erscheint mir ihr Tod nur als die letzte Konsequenz ihres damals eingeschlagenen Weges …Mir ist heute, als hätte ich sie damals unwiederbringlich verloren und womöglich suche ich sie schon mein Leben lang, wer weiß das schon so genau. Ein lieber Freund sagt mir, mein Lachen sei unwiderstehlich und ich täte immer so fröhlich glucksen dabei … ich achte  darauf und auf einmal höre ich sie in mir lachen … sie lacht durch mich hindurch.

Ich plane eine Reise, dahin, wo sie herkommt und verjagt wurde, ich werde keine Spuren finden können, trotzdem werde ich hinfahren an diese verlorenen Orte in Böhmen, in die Vergangenheit, oder in eine Parallelwelt zwischen den Steinen und in den Schatten der Gräser, auf die Strassen und in die Augen der Menschen … irgendwo dort wird irgendwann durch eine Laune der Geschichte eine junge Frau auf einen Weg ins Unbekannte geschickt, sie folgt ihm, notgedrungen, und dann, als sich ihr Weg irgendwo im Süden mit einem Fremden kreuzt, entstehe ich. Und ich bin unsicher, was mich erwartet, wonach soll ich denn suchen, alle Wege führen in dunkle Vergangenheiten, Namen verhallen im Nichts, die Geschichte meiner Mutter , ihrer und somit meiner Familie … lauter lose Enden wehen im Wind … eine leise Wehmut schlängelt sich durch mein Herz und mir ist, als wäre meine Sehnsucht auch ihre gewesen … Spürungen schleichen sich an, Angst vor der großen Verlorenheit … was kann ich denn finden, wenn ich nicht mal weiß, wonach ich suche?

Ein freundlicher Reisender kommt vorbei und macht Rast auf halber Wegstrecke im alten Haus. Zwischen zwei Flügelschlägen sitzen wir am Stubentisch und unsere Geschichten setzen sich lächelnd dazu, stellen Fragen und geben Antwort. „Geh einfach los, und Du wirst sehen, es ist ganz egal, welchen Weg Du nimmst, jeder ist richtig!“ Ich höre es und schaue in kluge und sanftmütige Augen … Als wir uns verabschiedet haben, durchziehen noch lange unsere Stimmen und das gemeinsame Lachen das Haus, eine Art Vertrautheit, die entsteht, wenn aus Fremden Freunde werden …

Ja, ich werde einfach losgehen und abwarten, was passiert.

Hab Dank, lieber Zeilentiger!

Der alte Kirschbaum hat soviele Früchte, daß ihm ein Ast abgebrochen ist.
Aus den Kakteen quellen unzählbar viele Knospen und schicken sich zum Blühen an
und ich habe endlich herausgefunden, wo der Tatzelwurm (die bayrische Variante des Drachen) hausen soll: in der Gumpe unterhalb des Wasserfalls nämlich, dies gilt es demnächst, genauer zu erforschen.

 

 

 

„… pour un flirt …“

Den Film habe ich mir nur deshalb angesehen, weil ich beim Umschalten bei ARTE hängenblieb und die magische Atmosphäre dieser Bilder und die Musik mich förmlich aufsaugten.

In irgendeinem krankenhausähnlichen Raum liegen Menschen in Betten oder hängen in Rollstühlen herum , werden an Tische geschoben und werden von freundlichem Personal versorgt. Viele sehen teilnahmslos vor sich hin, manche reden irgendwas. Ein kleiner alter Mann geht herum, sagt unverständliche Sätze. Ein Besucher steht an der Eingangstür und sieht ihn an, so lange, bis sein Blick erwidert wird. Der Besucher weicht nicht von seiner Seite, distanziert und doch nah … wie ein Schatten, der alles mitmacht … der kleine Mann spricht und aus dem Besucher wachsen Bewegungen dazu heraus … irgendwann erklingt Musik im Hintergrund … wunderschöne französische Chansons … der Besucher … offensichtlich ein Tänzer … bewegt sich weiter und weiter, sanft, anmutig zur Musik, gleitet um die Menschen herum und läßt sie teilhaben an dem, was sich aus ihm heraus entwickelt. Finger an starren Händen fangen an zu tanzen, verkrümmte Körper wollen sich dehnen, Köpfe nicken, Füsse wippen zur Musik … und manche wollen sprechen, dann setzt er sich zu ihnen und hört zu … er wirkt ganz ruhig und entspannt, obwohl er fast ständig in Bewegung zu sein scheint … alles, was er hört oder spürt wird zu Bewegung, alles fließt ineinander und umeinander und mündet in einen Fluß des Lebens …

irgendwann tanzt er mit Blanche , und nicht er bewegt sie sondern:  Es bewegt sich … so beginnt dieser Film …

Ich hätte ihn mir nicht angesehen, allein schon der Titel:  „90 Jahre sind kein Alter“ hätte mich eher abgeschreckt. Und was die Inhaltsangabe betrifft … ein Choreograph macht ein Tanzprojekt mit Alzheimerpatienten und holt sie aus ihrer Starre und eine alte Frau verliebt sich in ihn und wird wieder zu dem jungen Mädchen, das sie mal war, das hätte ich sicher nicht sehen wollen, und dann noch die Frage: „Hilft Musik bei Alzheimer?“ Ob das so oder so ist, das ist mir vollkommen egal.

Das ist ein Film der Spürungen, es ist eine Dokumentation über die  Arbeit des Choreographen Thierry Thieû Niang, sie zeigt, wie einer seine Passion lebt: er tanzt … mit offenen Armen, begehbaren Augen, umarmt, trägt, lehnt sich an und stützt … nichts wirkt gekünstelt oder auch nur beabsichtigt … alles ist … alles darf sein … wie eine lauwarme Sommerbrise, die die Haare im Nacken kräuselt … Liebe leuchtet auf in aufgewachten Augen und strömt ihm entgegen, sie bringt auch ihn zum Leuchten, er läßt sie fließen … im Hintergrund diese wunderbare Musik, alte Schlager, Chansons …

Dieser Film nimmt mich mit hinein in den Tanz des Lebens und berührt mich tief in meiner Existenz.  Was genau da passiert, dafür braucht es nicht viel Worte, nur die Bereitschaft, sich von der Lust auf das Leben tragen zu lassen …

Auf seiner Homepage:  http://www.thierry-niang.fr
stehen Texte, die meinen Herzschlag treffen und sicher in die Richtung deuten, woher die Bestätigung seiner Arbeit kommt.

Körper, erinnere dich nicht nur daran, wie oft du geliebt
wurdest, Nicht nur an die Betten, in denen du lagst, sondern
auch an jenes Verlangen nach Dir, Das aus offenen Augen
strahlte, An das Zittern der Stimmen – und wie Ein zufälliges
Hindernis es vereitelte. Jetzt, da alles der Vergangenheit
angehört, Scheint es fast, als ob du dich auch Jenem Verlangen
hingabst – wie es strahlte, Erinnere dich, aus Augen, die auf
dich gerichtet waren, Wie die Stimmen nach dir zitterten,
erinnere dich, Körper (1918)
Constantin Cavafy

O Mensch! Gib acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
„Ich schlief, ich schlief-,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht:-
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh-,
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit-,
will tiefe, tiefe Ewigkeit!“
Friedrich Nietzsche

Der Film: „Une jeune fille de 90 ans“
Regie: Valeria Bruni Tedeschi
Yann Coridian

ist in der ARTE – Mediathek noch bis Anfang August zu sehen!

Ich weiß, daß es bei Dokufilmen meist keinen Soundtrack zu kaufen gibt,
hier bedauere ich das wirklich sehr, sehr!
Nachfolgend eines meiner Lebenslieblingslieder, bei dem ich mich seit Jahrzehnten frage, ob es wohl irgendwo eine Frau gibt, die solche wunderbaren Worte schon mal geschenkt bekam … naja, wahrscheinlich gibts sowas nur in Frankreich … seufz …!

 

Herr Graugans fliegt nach Osten…

Mehrere äußerst seriöse Herren stehen relativ geduldig an der Absperrung im Salzburger Flughafen und beobachten genau, was Herr Graugans aus seinem Rucksack holt und als endlich die teuren Kameras und alle Filme, in viele Frühstücksbeutel vom Aldi verpackt und mit Ikeaclips verschlossen , auf die Schalen verteilt sind, fasst sich einer der Herren ein Herz und sagt: Darf ich Sie mal was fragen, Sie sind doch ein Profi oder? Denn wer heutzutage verreist denn mit so einer Ausrüstung und mit Filmen…richtigen Filmen? Nur ein Profi fotografiert noch mit Analogkamera … Profi … hmmmmh, sagt Herr Graugans, naja … nein … doch ja … nein kein Auftrag … eigene Erkundungen … Passsion … Kunst …sie werden weitergeschoben von den jetzt doch ungeduldig werdenden Herren … alle werfen mir noch einen anerkennenden Blick zu, als einer mir zuruft:  Also das ist ja ganz was Besonderes … Ja, da hat er Recht, der Herr Graugans ist ein besonderes Exemplar der Gattung Mensch, sonst würde ich nicht seit 33 Jahren mit ihm unsere gemeinsame Geschichte weiterspinnen!

Sie gehen weiter, viele Menschen kommen hinterher, ich höre noch … Istanbul – Kiew – Odessa – ins Herz von Europa … irgendwelche Auskünfte zur Analogkamera verstehe ich schon nicht mehr … ganz hinten taucht nochmal der schöne graue Kopf auf, ein strahlendes Lächeln im Graubartgesicht … ein winkender Arm … und schon ist er verschwunden, mein wunderbarer Herr Graugans, auf eine Erkundungsreise entlang seiner Sehnsucht, in den Osten.

Diese Reise ist schwer erkämpft, berufliche Selbständigkeit läßt kaum eine Lücke für eine Auszeit und wenn es nur zehn Tage sind. Um so mehr freue ich mich, daß er es geschafft hat, wegzukommen. Im letzten Moment, bevor ich ihn zum Flughafen bringe, finde ich unsere tote kleine schwarze Katze, die sich wohl mit letzter Kraft und sicher ganz unsäglichen Schmerzen heimgeschleppt hat, die Hinterbeine fast ganz abgeschnitten , nach dem üblichen maschinellen Schnelldurchlauf der Heueinbringung, der immer mehr zu einer gewaltsamen Heimsuchung wird für alles was wächst und kreucht und fleucht. Es soll angeblich Bauern geben, die gewisse Vorkehrungen treffen, die verhindern, daß Rehkitze oder Katzen totgemäht werden…unser kleines schwarzes Katzerl war leider auf der falschen Wiese.

Und so hat Herr Graugans vor seinem Abflug noch dieses arme Wesen vergraben. Ja, wir leben auf dem Land … die Menschen in der Stadt sagen immer, ach Ihr lebt ja hier draussen in einer Idylle … na ja, wie man´s  nimmt.

Die ersten wilden Rosen blühen.

Der ehrwürdige Nußbaum hinterm Haus scheint sich wieder erholt zu haben.

Draußen ist es brütend heiß. Ich sitze im Haus meiner Vorväter und es wird immer größer und leerer um mich herum. Sie ist eine Herausforderung, diese Leere und ich nehme sie an … sonderbar, wie wenig einsam ich mich dabei fühle.

Ich schenke dem Haus und mir ein paar Tage völliges Alleinesein, um wieder ins Gespräch zu kommen und ich brauche nur abwarten, was geschieht. Wir nehmen die Spürung auf, bis zum Morgengrauen sitze ich da und horche und dann endlich kriechen sie aus den Ritzen der alten Balken, die Geschichten … das Haus gibt sie frei und schenkt sie mir … legt sie mir förmlich vor die Füsse …

Oft schon habe ich mit dem Haus gehadert, es wie einen Klotz am Bein empfunden, wollte es loswerden und musste erkennen, daß es untrennbar mit meinem Herzen verbunden ist. Wenn ich auf die Sprache meines Herzens höre, dann höre ich auch, was das Haus zu mir sagt. Und ich höre außen, was innen gesagt wird. Ganz einfach. Und ich beginne wieder zu verstehen, was es will, weil mein Herz das auch will … es sind die Geschichten …immer wieder die Geschichten … das Haus braucht Geschichten … in der Stube sind unzählige Geschichten erzählt worden, immer schon, manche wurden gesungen, manche nur geflüstert, geschrieen, manche waren heimlich und existierten nur in Augenblicken, meine Mutter war eine Geschichtenerzählerin, Herr Graugans und ich sind es auch und viele, viele weitere sollen dazu kommen …

Ein Ort der Geschichten möchte es sein, dieses alte Haus … Diesem Wunsch werde ich gerne wieder nachkommen und liebe Menschen einladen, die alle ihre Geschichten mitbringen und das Haus füllen mit Zauber, Geheimnissen, Liebe, Abenteuern … mit allem, was das Leben so dabei hat. Die Tür ist auf für freundliche Reisende, die sich an den Tisch setzen wollen und erzählen ! Und mir fällt ein, was Herr Graugans gesagt hat, zum Abschied am Flughafen:

Reisen macht doch erst dann richtig Sinn, wenn man hinterher jemandem darüber berichten kann!  Ja, da ist was dran, ich brenne darauf, es zu erfahren!

Die Welt mag ja schlecht sein, aber eine gute Geschichte ist sie allemal wert!

Und sei es nur die von dem ehemaligen Rotarmisten, der jetzt in Kiew Taxi fährt und dessen deutscher Wortschatz besteht aus: „Erbswurst“ und „Naumburg an der Saale“, da war er nämlich stationiert.

Der Blog des Herrn Graugans, ein Roadmovie und noch viel mehr:

Erkundungen in der Ungleichzeitigkeit

 

es ist…

„Jung, datt Leben geht weita“, hatte  Oma Frieda von Mick zwo gesagt.

Die tiefste Weisheit ist ganz einfach.

Ja, weiter gehts, die nächste Runde auf dem Karussell. Laßt die Toten die Toten begraben, heißt es irgendwo, ich glaube, in den vom Klerus ungeliebten Apokryphen. Dieser Spruch ist wie ein Koan, so einfach und doch völlig unverständlich, ein Leben reicht nicht, ihn zu entschlüsseln!

Ich weiß nur, daß es gut ist, wenn die Toten endlich begraben sind und das Loch in der Membran, die die Welten voneinander trennt, sich wieder schließen kann. Ja, endlich war die Beerdigung, fassungslos stehe ich vor der Urne und kann es nicht begreifen, wie ein Mensch so total verschwindet , und nichts mehr außer ein paar Krümel bleiben übrig. Ein letzter Blick in das lebenslang so vertraute Gesicht auf dem Foto … Du bist schon so weit weg, ich kann Dich nicht mehr spüren … hast Du gehört, Euer Pfarrer hat einen kleinen Sprachfehler, schade Joe, daß Du es bist hier in der Urne, wir hätten sonst nach der Beerdigung gewitzelt und gelacht drüber und dazu ein paar Weißbier getrunken …

Wieder daheim sehe ich, daß das rote Samtherz meines kleinen dicken Plüschkönigs , der gerade noch mit einem Bein im Bücherregal hockt, herausgerutscht ist und an einer Schnur herab baumelt…ich nehme es und stopfe es in seine Hemdenbrust, wo es hingehört.

Ich setze mich auf die Hausbank, Freundeswort im Ohr:  … „der Verlust sei Gewinn für sich“ … ja … und schaue den wilden Rosen zu, die täglich ihre Triebe bogenförmig weiterwachsen lassen und plötzlich sehe ich, daß sich überall Tore gebildet haben…unglaublich…sie wachsen zum Hollunder und sie treiben und treiben, bis sie den nächsten Rosenstrauch erreichen und die Korkenzieherweide, mit der ich ganz was anderes vorhatte, beugt sich schon wieder zur kleinen Rose hinunter und bildet mit deren zarten kleinen Fingerchen ein Tor… irgendwann werden sie beide umfallen … oder doch nicht?

Die Entscheidungen werden eigenmächtig getroffen im Großen Raum und in Freiheit.

In den verwilderten Hochbeeten wachsen Walderdbeeren, Rucola, Himbeeren, Spitzwegerich, ums alte Haus herum schleicht der kriechende Günsel.

Und die Katzen gehen von da nach da und machen, was sie wollen.

Zwei Maikäfer möchten sich partout in die heißen Pfannkuchen am Herd setzen, ein wenig angeröstet und berauscht vom Zucker torkeln sie schließlich brummend ins Freie.

Im Transformatorenhäuschen nisten Turmfalken.

Es ist was es ist  … hat doch die Liebe gesagt, oder?

 

 

 

Chris Cornell, 1964 – 2017
Ruhe in Frieden!

Amoi … Sowieso … !

Du bist gegangen.

Für immer.

Und mein Herz ist schwer.

Wir hatten die gleichen Hände, große, warme und trockene Arbeitshände. Früher als Kinder, brauchten wir uns nur anzuschauen, dann haben wir uns verstanden und wir spürten eine Verbindung, die über die Verwandtschaft im selben Clan hinausging. Weißt Du noch, als wir davon träumten, ein Floß zu bauen, mit einer Seeräuberflagge darauf? Aber Du warst 13 und ich schon 16 Jahre alt, aus diesem Vorhaben wurde nichts mehr, und weißt Du, Joe, der Weiher wäre eh viel zu klein gewesen für das große Floß!

Als wir älter wurden, haben wir uns viel erzählt, nächtelang und es gab dann auch ein paar Geheimnisse, nie haben wir zu jemandem darüber gesprochen, nicht wahr, Joe?

Dann kamen diese langen Jahre, die wie im Flug vergingen … viel Arbeit, Familie … keine ZeitkeineZeitkeineZeit … sag mal, warum nur bleibt immer so wenig Zeit für Menschen, die man liebhat? Nur ganz selten trafen wir uns, Du warst sehr seßhaft und sehr fleissig und sehr wortkarg geworden … aber manchmal haben wir wie damals als Kinder in unseren Augen gelesen und sahen die unerzählten Geschichten und auch unsere Geheimnisse .

Vor etlichen Jahren trafen wir uns an einem offenen Grab und als alles vorüber war, da standen wir alleine am Parkplatz vor Deinem Auto und wir haben solange geredet, bis es Nacht war und so kalt, daß wir uns umarmen mussten, um nicht zu erfrieren, weißt Du noch, Joe, ich sagte Dir, daß wir uns jetzt sagen müssen, was wir im Herzen füreinander empfinden, denn das Leben ist so flüchtig und alles kann so schnell vorbei sein und dann ist es zu spät.

Vor zwei Jahren haben wir uns das letzte Mal gesehen und ich habe es  gespürt, daß Du so voll mit Kummer warst, daß es Dich schier zerrissen hat … aber ich weiß nicht warum, Du warst schon kurz davor, darüber zu sprechen, aber es ging dann doch nicht, die Chance war vertan und kam nie wieder. Dann bist Du so sehr krank geworden.

Du hast mich nicht gerufen und ich bin nicht zu Dir gekommen, ich hab mich nicht getraut, wollte Dich nicht beschämen in Deiner Ehre mit diesem zerfallenden und vergehenden Körper … und jetzt sehe ich auf dieses Ende unserer Geschichte und weine darüber, daß nur diese wortlose Hilflosigkeit von uns übriggeblieben ist, lieber Herzensfreund, der Du mir warst und immer sein wirst in der weiten und fernen Nähe.

Ich lasse meine Liebe zu Dir schweben, möge sie Dich begleiten auf dem Weg … Dich wärmen, wenn Du frierst und Dich kühlen, wenn Du brennst, und Dich am Tor zur ewigen Freiheit mit einem Lächeln  Deiner neuen Bestimmung übergeben …

Es wird immer ein Licht für Dich leuchten in meinem Herzen …und … vielleicht sehn wir uns ja mal wieder, bis dahin : „Servus, Joe,  mach´s guat!“ Und Du sagst doch jetzt: „Sowieso!“ oder?

„Das Europa der Muttersprachen“,Ukraine 3, Finis

 

Vor jedem der drei langen Abende im Literaturhaus Salzburg gab es , sozusagen als Vorprogramm, Werke junger ukrainischer Filmemacher. Harte Filme, sie zeigen eine Wirklichkeit, die sich nicht befreien kann aus Anarchie und Brutalität, in der zwischenmenschliche Rohheit, Feindschaft, Mißtrauen herrschen, Korruption, Prostitution, der Zustand der postsowjetischen Gesellschaft, in der alle Werte lange schon verlorengingen. Man wird nicht geschont, wenn man bereit ist, hinzusehen. Die Frage, ob es solche Filme braucht, die den Finger in Wunden legen, daß nur noch Blut und Eiter herausfließen, ist müßig und ich werde sie nicht stellen; denn es ist wie bei aller Kunst immer die Frage, ob man bereit ist, sich einzulassen, auf die Gefahr, zutiefst erschüttert zu werden und nicht immer schmerzfrei zu erkennen, daß sich womöglich die eigene Sicht auf die Dinge verändern muß, um sich weiter zu entwickeln als Mensch.

Dieses Festival, in dem es nicht um „Vaterländer“ ging, sondern um „Muttersprachen“, wie Thomas Friedmann, der Leiter des Hauses betonte, ist seit ein paar Tagen vorbei. Es ist unmöglich, ein Fazit aus den Eindrücken des dicht gedrängten Programms zu ziehen, es wird sich auf ein paar Impressionen…ein paar Notizen von meinen Eindrücken beschränken…
Was bleibt, sind Stimmen aus einem Land, das ich überhaupt nicht kannte, das für mich irgendwo am Rande existierte.
Das hat sich verändert, ich werde einige Bücher lesen, Musik hören und mich freuen auf die täglichen Mails meines wunderbaren Herrn Graugans, der sich in ein paar Wochen auf eine fotografische Exkursion (Salzburg – Odessa), ins Zentrum Europas, begeben wird. Ja, dort ist das Zentrum Europas, das ist mir als immer noch überzeugte Europäerin endlich wieder klargeworden…denn, wenn nicht in Europa, wo wäre die Ukraine denn sonst?

Am Schluß des dritten Abends gibt es noch eine Podiumsdiskussion mit den drei Schriftstellerinnen : Tanja Maljartschuk, Natalka Sniadanko und Kateryna Babkina. Unglaublich, welche Gleichzeitigkeit der Gegensätze in diesem Land! Junge, selbstbewusste Frauen, aus deren Sprache keinerlei Resignation über den Zustand ihres Landes hervorgeht, sondern nur Aufbruch, Vorwärtsgehen und -schauen, Zukunft in die Hand nehmen und gestalten! Politisch aktiv und engagiert, sprechen sie über ihr Dasein als SchriftstellerInnen, da gibt es kein Geld…nirgends, Kunst wird nicht gefördert, man schreibt halt, weil man muß, irgendwann in der Zeit, die man noch sich stehlen kann neben der Arbeit, mit der man irgendwie soviel Geld zusammenkriegen muß, um zu überleben.
Sie sprechen über den Humor in der ukrainischen Literatur, daß Lachen eine Waffe ist und Ironie auch ein Ort, sich zu verstecken vor der Wirklichkeit. Und es würde Zeit, die Dinge jetzt auch mal ohne diesen Witz, für den die Literatur im Osten zu stehen scheint, ernsthaft und ruhig zu betrachten und zu beschreiben.

In der Pause vor Beginn der Party, mit der diese Festivals immer genüßlich ausklingen, mitten im größten Trubel lehne ich mich an eine Säule, schließe die Augen und horche auf das Stimmengewirr um mich herum…ich denke an Elias Canetti, der das auch so gern machte und in einem seiner Bücher, die die Welt für mich bedeuten, beschrieben hat…“Raum für Hoffnung geben, Wege aus dem Chaos zeigen“, sei der Beruf des Dichters, hat er auch mal gesagt.
…viel ukrainisch wird um mich herum gesprochen, wie vertraut es doch schon klingt…
Satzfetzen …ich höre Herrn Graugans…damals in Lemberg, weißt du, da haben wir diesen Rabbi getroffen…Synagoge…Wassergläser voll Wodka…Sabbath…jetzt fahr ich bald nach Odessa…oh, da muß ich dir eine Geschichte…

Die Stimme von Mariana Sadovska gleitet immer noch durch mich hindurch, diese Lieder, die sich in den entlegenen Landstrichen durch die Sowjet-Ära erhalten haben und die alles überstanden…magische Gesänge…aber auch hier geht eine Künstlerin einen eigenen Weg, sie bleibt nicht stehen in alter Tradition, sondern knüpft an und gestaltet weiter mit dem Heute in unglaublicher Tonkunst, in Verknüpfung und Austausch mit anderen MusikerInnen und DichterInnen.
„…The War is finished, once again,
but Peace cannot come…“
„Liebe ist das traurigste Wort auf ukrainisch…die Hoffnung darf nie vergehen…dafür braucht man die Nacht und ein schlagendes Herz…
die Nacht hat begonnen…“

Es waren gute Abende und halbe Nächte voller weiterführender Gespräche, viele Blicke in Augen, ja, auch viel, viel Gelächter, beste Stimmung, wunderbares Publikum, nichts zu spüren von dieser verlogenen Jedermann – Festspiel – Möchtegernpromis – Glitzerwelt, der man sonst in Salzburg leider oft ausgesetzt ist, sondern einfach bunte Menschen, auch solche wie Herr Graugans und ich, die wir etwas verstaubt aus unseren Werkstätten schnell ins Auto sprangen, um ja nichts zu verpassen…
und es soll mir nur noch wer sagen, Kunstpräsentation wäre zu teuer! Der Festivalpass für drei lange Abende dicht gedrängtestes Programm kostete 22,00 Euro, die Filme waren gratis!

Ich bin dankbar für diese drei Tage und fühle mich über alle Maßen bereichert!

Und ich danke allen von Herzen, die  hier mitgegangen sind und sich mit Kommentaren eingemischt haben, es ist soooo eine Freude für mich, daß ich mit Euch teilen durfte!!!