Das Meer hinter Hamburg…

Der Vollmond scheint, als ich mit meinem Trolley und den anderen Passagieren, mir kommt vor, viel zu vielen für die kleine Maschine, über die Rollbahn gehe. Der Salzburger Flughafen ist klein und nach ein paar Metern sind wir auch schon an der Treppe. Nach dem Verstauen von Taschen und Mänteln und der eigenen Leiblichkeit in den gebuchten Sitzen sollen wir also mit diesem kleinen Blechvogel nach Hamburg fliegen. Alle, auch solche, die weitaus weniger üppig sind als ich, wirken in die engen Sitze hineingequetscht…nur einer nicht, der junge Mann von gegenüber ist so dünn wie ein dürrer Ast und passt mindestens zweimal in den Sitz. Während des Fluges sehe ich oft zu ihm hinüber und denke mir, daß dies wohl der erste richtige Nerd ist, den ich sehe…sehr blass;  hochkonzentriert und pausenlos huschen seine Finger über das Tablet, keine Ahnung, was der da tut, aber er tut es pausenlos ohne aufzusehen. Alle hier drinnen husten, schneuzen, niesen, schniefen…und dann heben wir ab…jedes Mal ist es wie ein Wunder und ich lege mein Leben in die Hände des Piloten eines Billigfliegers.

Und dann: Ankunft in Hamburg und die Frage, wie ich mich einer riesengroßen fremden Stadt in zwei Tagen so nähern könnte, daß ich hinterher auf die obligatorische Frage:  „Na, und wie war´s in Hamburg?“ – auch was zu sagen hätte.

Der Grund der Reise war ein jährlich im Fasching stattfindendes Spektakel, venezianischer Maskenzauber an der Alster, von dem ich im Vorjahr im Blog  Irgendwas ist immer  so wundervolle Fotos gesehen hatte, daß ich spontan beschloß, beim nächsten Mal hinzufahren. Im Laufe des Jahres verschob sich der Schwerpunkt und ich wollte hauptsächlich Christiane kennenlernen und bei dieser Gelegenheit dem Karneval zusehen.

Und als ich am Montag in aller Frühe wieder in den Flieger stieg, war ich randvoll mit Erlebnissen, war einer liebenswürdigen Bloggerin begegnet und hatte das Gefühl, vier Wochen unterwegs gewesen zu sein.

Mir war  das Allerschönste passiert, was es nur gibt, ich wurde am Flughafen abgeholt, ins Auto gepackt und durfte schon mal eine nächtliche Runde durch die Stadt drehen. Von einer Hamburgerin herumgefahren zu werden und die Stadt sozusagen aus ihrem Blickwinkel zu sehen und dabei Interessantes sowohl über die Stadt als auch über die Reiseleiterin zu „erfahren“…wenn es dann noch viel zu plaudern und noch mehr zu lachen gibt und die Chauffeurin darüber hinaus auch noch eine absolut gelassene Autofahrerin ist, dann werden diese Erkundungen zum reinsten Vergnügen! Ich wäre am liebsten gar nicht mehr ausgestiegen. So eine wunderbare Stadt, weitläufig, großzügig, vom Wind durchgeblasen, der von der See kommt…vom blanken Hans…so hatte ich mir das zurechtgelegt! Ich weiß nicht, wie es dazu kam, aber für mich lag Hamburg am Meer, wenigstens bis vor kurzem…

Unter Zuhilfenahme ihrer Freunde, zwei smarten Hamburger Jungs mit Schalk in den Augen und so einem kleinen spöttischen Lächeln, versuchte Christiane, mir oberbayrischem Landei jenen Sachverhalt zu erklären, daß zwar das Meer 100 km entfernt sei, aber trotzdem Salzwasser in den Hamburger Hafen „gepresst“ würde…achja…und daß die Elbe …was weiß ich… als alle meine offensichtlich geistige Überforderung bezüglich des Vorkommens von Salzwasser mit Ebbe und Flut, unter  gleichzeitiger Meerlosigkeit sahen, wurde dem ein gütiges Ende bereitet:

„Weißte was, wenn Du nächstes Mal kommst, dann fahren wir nach Cuxhafen, dann erledigen sich alle Deine Fragen!“ Ja, okay.

Neben der Alster liefen unter kreischendem „Möwengedöns“ wunderschöne Masken herum und als ich, weil ich mir die Chance nicht entgehen lassen konnte, die grandiose Ausstellung von Paula Modersohn-Becker zubesuchen, aus dem Fenster sah, ging dort grad ein Baum auf hohen Stelzen vorbei, der mich plötzlich mit himmelblauen Augen in knorrigem Gesicht ansah…

Alles so bezaubernd, sehr freundliche und redebereite Menschen, unglaublich viele schöne Frauen, diese angenehme hanseatische Sprachmelodie…und nicht zuletzt am Ufer der Alster unzählige wunderschöne Graugänse, die auf einem Bein schliefen, im Hintergrund das Rot der untergehenden Sonne…

Dann, eine letzte Fahrt zum Bestimmungsort dieser Stadt, dem Hafen…jaja, ich weiß, ich habe eine wildromantische Ader, aber wer würde in Angesicht dieses großen Hafens mit seinen Kränen nicht an Freiheit und Abenteuer und „Seemann, Deine Heimat ist das Meer…“ denken , wen würde es da nicht hinausziehen…?

Und dann noch, aufgehoben bis zum Schluß, die Speicherstadt, wo alles gelagert wird, was aus der großen weiten Welt in Schiffsbäuchen kommt, Kaffee, Tee, Gewürze…und als meine wunderbare Stadtführerin mir sagt, daß ich mir da schon was einfallen lassen müsse beim nächsten Besuch…denn die Fahrt durchs Alte Land zum Meersuchen nach Cuxhafen, die Hafenrundfahrt mit der Barkasse und die Speicherstadt mit dem Einkauf von Tee und Gewürzen…also, ob da zwei Tage reichten?

Ja, da werd ich mir was einfallen lassen, liebe Christiane!

Es war ein wundervolles Wochenende und eine sehr gute Begegnung und es hätte nicht schöner enden können als mit dem Satz:

„Es war schön mit Dir, komm bald wieder!“

Ja, ganz sicher! Und herzlichen Dank für dieses warme Willkommen in kalten Wintertagen in einer fremden Stadt, die mir so fremd nicht mehr ist, genau wie die Stadtführerin!

Tschüüüüß dann, bis bald im Sommer!

 

„It is a risk …“

„It is a risk to love.
What if it doesn´t work out?
Ah, but what if it does.“

Peter McWilliams

Ja, ich glaube,  Mick zwo hat recht, wenn er schreibt: “ Allerdings glaube ich, dass die Geschichten nicht passiv sind. Sie laufen uns über den Weg, nicht umgekehrt! „

Diese Worte führen genau dahin, an diesen Punkt, an dem so unwiderruflich klar wird, daß die Zeit reif ist für genau diese eine Geschichte und keine andere…

Genauso ist das mit diesem Film, immer mal wieder muß ich ihn ansehen und jedesmal ist hinterher irgendwas irgendwie anders als vorher. So geht es mir oft mit Geschichten, nein, natürlich nicht mit allen…nur mit den ganz wichtigen, die was mit mir zu tun haben;  ich wüsste nicht zu sagen, was sich zwischen vorher und nachher in meinem Leben verändert hätte, aber daß nichts mehr ist wie vorher, das scheint sicher.

Michael Althen, der wunderbare, leider so früh verstorbene Filmkritiker hat mal über ein „zweites Leben im Kino“ geschrieben, das „besser ist als unseres und ihm doch aufs Haar gleicht“…das Kino als doppelte Natur gibt Auskunft über das, was ist, und das, was möglich wäre…wer wir sind und wer wir gerne wären, und daß wir, wenn wir uns den Bildern überlassen , womöglich erkennen, woher wir kommen und wohin wir gehen…

Eine Nuance nur reicht, ein Windhauch, eine ganz zarte Gedankenspur, kaum merklich, kann den Weg freimachen in völlig neue Richtungen, die Tür zu anderen Welten öffnen, zu neuen Ufern, neuen Träumen, weiteren Geschichten…um letztendlich immer die gleiche, nämlich die eigene  auszuleuchten.

Ganz am Anfang des Films sieht man eine Zehe mit einem Smileypflaster, man hört das Entkorken einer Flasche und das Geräusch, das irgendein Getränk macht, wenn es in ein Glas geschüttet wird.

Dann holt einer sein Feuerzeug aus der Tasche, zündet sich eine Zigarette an und nimmt einen tiefen Zug… ich schmecke und rieche den verbrannten Tabak und als der Mann in Hut und hellem Sommeranzug vom Tresen weggeht, liebe ich ihn schon und bin bereit, ihm zu folgen durch die dunkle Bar hin zur Türe. Und dann geschieht dieses Wunder, der Klang der Gitarre (David Hidalgo), das gleißende Sonnenlicht, der Mann und ich, wir verschmelzen und werden zu einer Geschichte, die hier beginnt.

Viele Male musste ich den Film ansehen, um endlich zu erkennen, daß eigentlich alles schon in den ersten fünf Minuten erzählt wird und daß die Musik die Geschichte parallel dazu nochmal erzählt. Und ich lasse mich führen,  gehe den Weg mit, den Bobby Long durch eine runtergekommene Vorstadt von New Orleans entlanghumpelt, bis er an der Friedhofsmauer ankommt, wo er die leergetrunkene Flasche abstellt und wenn die Kamera auf die Trauergemeinde schwenkt und das grandiose Saxophon (Steve Berlin) einsetzt, ist klar, daß es kein Zurück mehr gibt aus dieser Geschichte, bis sie zu Ende erzählt ist.

Man hat diesem Film vorgeworfen, daß die Story zu simpel und vorhersehbar sei und, daß John Travolta viel zu wenig wie ein verwahrloster Säufer aussehen würde…ja, mag alles sein. Ich liebe diesen Film, genau so wie er ist und alle, die mitspielen, bezaubern mich immer wieder aufs Neue!

Ein ehemaliger Literaturprofessor und sein Schützling, den er dazu auserkoren hat, ein Buch über ihn zu schreiben, haben sich ins Haus einer verstorbenen Freundin geflüchtet und versuchen, sich durch große Mengen Alkohol soweit zu betäuben, daß sie die Verzweiflung über ein gescheitertes Leben nicht mehr spüren.

Da hinein gerät die Tochter der Freundin, die das Haus erbt.

Die junge Frau ist ihrerseits auch bereits eine gescheiterte Existenz, voller Zorn und Gram über eine verlorene Kindheit und tiefer Sehnsuch nach einer unerreichbaren Mutter.

Auf ihre Weise bewegen sich diese drei Menschen und ein paar Nebenfiguren durch ihr Schicksal und am Ende sind sie vom Meeresboden, auf den sie gesunken waren, wieder nach oben getaucht und sehen, jeder auf ganz eigene Art neuen Horizonten entgegen.

Was ist es, was mich so berührt an diesem Film… ich vermag es gar nicht so genau zu sagen, die Geschichte ist ein Märchen, in dem alle am Ertrinken sind und sich dann Kraft der Liebe retten…das allein ist es nicht, auch nicht mein Faible für gescheiterte Existenzen, für diese Lonly Wolves…

Nein, ich glaube, letztendlich ist es der Blues, der mich ergreift und durch diese Schwüle trägt, Bewegungen wie in Zeitlupe… ja es sind die Farben des Südens und der Blues.

Immer wieder dieser Blues, der alles einschließt, das Lachen und das Weinen, die Freude und den Schmerz, das Leben und das Sterben , dieses Hin und Herwiegen wie das Gras in einem lauen Sommerwind…das Sichhingeben an das Leben und das Sichtreibenlassen und dem Verstreichen der Zeit zuzusehen…

(Sehr schade, daß der wundervolle Soundtrack nur mehr für Wucherpreise erhältlich ist)
Das war einmal!
Inzwischen hat Herr Riffmaster, der nicht nur seines Zeichens Archivar von glücksbringenden Musikalien ist, sondern anscheinend auch diverse Zauberkünste beherrscht, genau diese Scheibe zu meiner großen Freude in seinem überirdischen Laden ausgestellt…würd mich ja nicht wundern, wenn er auch noch wilde Augen hätte!
Vielen Dank , lieber Meister!

Schade bleibt (vorerst) nur noch, daß ich leider leider niemand kenne, der/die mit mir „Alabama-Schuffle“ tanzen täte!

 

 

 

We shall not cease from exploration
And the end of all our exploring
Will be arrive where we startet
And know the place for the first time.
T.S. Eliot

„Gott kennt mich und ich kenne Gott“ (Bobby Long)

 

A Lovesong for Bobby Long
Regie: Shainee Gabel
2005

Damals

Es war Schnee gefallen in der großen Stadt. Ich war Mitte Zwanzig und melancholisch am Leben entlangfröstelnd lief ich durch die Straßen um meine Wohnung herum, die keine Heimat wurde. Alles war anders  als erwartet, die Stadt  war mir nicht entgegengekommen, ich fühlte mich fremd und einsam.

Im Schaufenster einer heruntergekommenen Buchhandlung lagen stapelweise verstaubte Bücher, beim Eintreten bimmelte eine kleine Glocke. Ein wenig verloren stand ich da, es roch nach Mottenkugeln und Kohlefeuer, überall Bücherstapel bis zur Decke und an den Regalen lehnten düstere Ölgemälde.

Aus dem Dunkel hinter einem schweren Vorhang kam ein Mann, er trug ein verschlissenes Jackett, eine Art Baskenmütze auf weißen Haaren, zerlatschte Hausschuhe und er hatte leidenschaftliche und wilde Augen.

Er ließ mich in einem staubigen Fauteuil Platz nehmen, verschwand, brachte große Gläser mit zuckersüssem, angewärmten Rotwein, stellte ein paar Kekse hin, dann legte er mir einen Wollschal um die Schultern und rezitierte mit leiser Stimme ein Gedicht.

Wie eine Königin fühlte ich mich in einem Reich hinter der Welt, und als er das zweite Glas Rotwein brachte, ertönte ein Gesang, der schönste, den ich bis dahin gehört hatte und wir saßen da und lauschten.

Nie werde ich diese wilden, brennenden Augen vergessen und den festen warmen Händedruck. Und die Gedichte von Schiller, die er mir zum Abschied schenkte, stehen immer noch im Regal.

 

Dank an Ludwig Zeidler und an sein Schreibprojekt:

„abc etüden, kürzestgeschichten in 10 sätzen“

„O Königin, zu dienen Dir …“

Was für eine wunderbare Idee von Christiane, Balladen zusammenzutragen! Hier gleich eine meiner liebsten:

Thomas der Reimer
(Altschottische Ballade)

Der Reimer Thomas lag am Bach,
Am Kieselbach bei Huntly-Schloß,
Da sah er eine blonde Frau,
Die saß auf einem weißen Ross.

Sie saß auf einem weißen Ross,
Die Mähne war geflochten fein,
Und hell an jeder Flechte hing
Ein silberblankes Glöckelein.

Und Tom der Reimer zog den Hut
Und fiel ins Knie; – er grüßt und spricht:
„Du bist die Himmelskönigin
Und bist von dieser Erde nicht.“

Die blonde Frau, sie hält ihr Ross:
„Ich will dir sagen, wer ich bin,
Ich bin die Himmelsjungfrau nicht,
Ich bin die Elfenkönigin.

Nimm deine Harf und spiel und sing
Und lass dein bestes Lied erschalln,
Doch wenn du meine Lippen küsst,
Bist sieben Jahr du mir verfalln.“

Und Thomas drauf: „O Königin,
Zu dienen dir, es schreckt mich kaum.“
Er küsste sie, sie küsste ihn,
Ein Vogel sang im Eschenbaum.

„Nun bist du mein, nun zieh mit mir,
Nun bist du mein auf sieben Jahr.“
Sie ritten durch den grünen Wald,
Wie glücklich Tom der Reimer war.

Sie ritten durch den grünen Wald,
Bei Vogelsang, bei Sonnenschein,
Und wenn sie leis am Zügel zog,
So klangen all die Glöckelein.

Theodor Fontane

 

Erkenne Dich selbst!

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Ein sehr besonderer Ort liegt da in der Nähe von Steigra in Sachsen-Anhalt völlig unscheinbar und kaum zu erkennen neben einer viel befahrenen Straße.

In einen Kultplatzführer, den wir auf unserer Reise ostwärts dabei hatten, dürfte er deshalb hineingeraten sein, weil er uralte Rätsel birgt, die bis heute nicht wirklich entschlüsselt werden konnten.

Ein Grabhügel mit einer Art „Omphalon“, einem Felsbrocken, der den Nabel der Welt symbolisiert, ein steinernes Sonnenrad, Bäume, die wie ineinander verschlungene, verzauberte  Gestalten anmuten, eine Tafel mit der Beschreibung eines alten Mysterienspieles, das bis heute aufgeführt wird und ein großes Rasenlabyrinth.

Wer immer erwartet, daß so ein „Kraftort“ nach uns greift und uns zu glücklichen und heilen Menschen verwandelt, wird bitter enttäuscht, so auch hier.

Der Ort tut gar nichts.

Im Höchstfall spiegelt er das, was sich ihm nähert und die mitgebrachte Gemütslage potenziert sich unter Umständen drastisch, d.h. auch, daß das alles, was wir sehen, wenn wir uns selbst ins Gesicht schauen oder ins eigene Herz hinein, nicht immer gut zu ertragen ist…

Und doch werden wir reich beschenkt, wenn wir reinen Herzens sind…was das bedeutet, muß jeder selbst herausfinden, wir bekommen stets das zum Geschenk, was wir mitbringen.

In ein Labyrinth gehen, heißt, sich auf einen uralten Einweihungsweg zu begeben, der Weg des Lebens, des Stirb und Werde, er führt immer zur Mitte und wieder hinaus. Man kann sich niemals verirren.

Und irgendwann merken wir, daß wir im Labyrinth niemals dem Minotaurus begegnen, sondern immer nur uns selbst.

Es gibt viel Material über das Labyrinth zu lesen…

Ich finde, es reicht, einfach zu Fuß hindurchzugehen,  oder mit dem Finger die Linien nachzufahren, es ist erstaunlich, was man dadurch erkennen kann, je nachdem, wo man sich grad befindet…

Ich habe versucht, Schritt für Schritt ein Labyrinth zu erstellen, für alle, die das selber mal machen wollen.

 

Für uns alle wünsche ich mir ein Jahr mit Wundern, Abenteuern, schönen und tiefen Begegnungen und Freude, Freude, Freude im Herzen!

 

 

 

T.23 / 24 der Mutmaßungen über die L.i.e.b.e.

Ich komme von irgendwo her und fahre nachhause. Es ist der Abend vor Weihnachten und stockdunkle Nacht. Dampfende Nebelsuppe füllt das Tal, ich sehe kaum ein paar Meter, die Scheinwerfer ersticken im Wasserdampf. Alle Autos  vor oder hinter mir biegen irgendwann ab und verschwinden, morgen ist Weihnachten, jeder möchte nachhause.

Nur ich fahre einfach weiter und immer weiter hinein in diese klebrig feuchte Nächtlichkeit. Ich gebe ihr nach, dieser Streunerin in mir, die sich herumtreiben will, wenn es dunkel ist und die Grenzen verschwimmen und die eine Welt sich mit anderen Welten vermischt und alles , was Orientierung gibt, verschwindet. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl von Freiheit durchströmt mich in diesem schier schwerelosen Gleiten durch Raum und Zeit…ich liege im Fluss und lasse mich mit der Strömung treiben…

Vor mir taucht eine Gestalt auf am Straßenrand, ein Mann mit einer Art Umhang und einem Hut. Mit Lederstiefeln watet er durch den Nebel und sieht aus wie ein Schäfer. Er kommt mir so bekannt vor und deshalb halte ich an, was ich sonst nie tue und frage, ob ich ihn irgendwohin mitnehmen kann. Sehr freundlich  schaut er mich an mit sehr hellen Augen und nennt mir einen Ort, den ich nicht kenne, ein paar Kilometer weiter.

Im Radio läuft ausnahmsweise schöne Weihnachtsmusik, die Stimmung im Auto wird feierlich, mir ist ein wenig sentimental zumute und der freundliche Fremde riecht nach nasser Wolle und ein wenig nach Zimt und Glühwein. Ich überlege ständig, wo ich diesen Mann schon mal getroffen haben könnte, aber da mir weder das noch sonst was halbwegs Intelligentes einfällt, sage ich nichts und wir schweben schweigend durch die Nacht.

Auf einmal weiß ich es wieder: „Sie sind doch der, der mich damals fragte, wo es denn zum Meer ginge und der, als ich ihm die Richtung gezeigt hatte, mir aus einem Buch vorlas…?“ „Man begegnet sich immer zweimal im Leben“, sagt er und lächelt. Dann deutet er zum Waldrand und ich halte an. Im Radio singt Freddy Mercury: „Thank God, its Christmas!“, und während ich den Fremden frage, ob er denn das Meer damals gefunden hätte, versuche ich nicht zu heulen bei diesem Lied…vergeblich, ich merke schon, wie meine Wange nass wird . Er sieht mich an und sagt: „Nein, damals nicht, aber jetzt habe ich es gefunden, es bilden sich erste Rinnsale, die Flut ist nahe“…und dann wischt er mir behutsam mit den Fingerkuppen die Tränen weg…die Autotür geht auf…was war das denn, hat er mir jetzt einen Kuss auf die Lippen gehaucht, kaum spürbar…nein, das war sicher der hereinquellende Nebel …

Der Fremde wird sofort von ihm verschluckt, dort vorne am Waldrand…wohin geht der denn eigentlich, da ist doch nichts, nur Wald, sehr merkwürdig, oder hab ich das alles nur geträumt…wenn da nicht am Beifahrersitz ein zerfletterter Zettel läge mit dem ersten Satz eines Gedichtes:
„Wenn man ans Meer kommt, soll man zu schweigen beginnen…(Erich Fried)

Im Radio singt immer noch Freddy Mercury mit engelsgleicher Stimme und ich singe mit ihm und dann fahre ich noch ein wenig im Nebel herum, aber irgendwann zieht es auch eine  Streunerin nachhause , dann ist nämlich Weihnachten, thank God!

 

Es ist Weihnachten!

Das diesjährige 24T- Projekt ist hiermit zu Ende.

Vielen vielen Dank an alle, die mitgemacht haben und an alle, die täglich in die Türen hineinsahen!

Es war eine große Freude für mich!

Ich wünsche allen wundervolle und glänzende Tage und, daß wir uns alle gegenseitig an unseren Herzen wärmen können!

Viele liebe Grüsse und auf Wiedersehen hier, zwischen Himmel und Erde…

Eure Graugans

T.21 der Mutmaßungen über die L.i.e.b.e.

Heute um 11.44 Uhr fand die Wintersonnenwende statt.

Nach der längsten Nacht geht es nunmehr wieder aufwärts, das heißt, die Tage werden länger, das Licht, ein kleines zartes Flämmchen noch, wurde wiedergeboren…der Kreis hat sich geschlossen und beginnt von Neuem sich zu drehen, kein Stillstand war dazwischen, alles vollzieht sich in einem ewigen Kreisen um die eigene Mitte.

Höchste Konzentration und Spannung ist spürbar, ich spüre die Gestirne um mich kreisen und ich um sie herum, kein Anfang, kein Ende sichtbar, es verändert sich nichts und doch bleibt es nicht wie es war.

Ich bin sehr dankbar für die langen und ruhigen Gespräche über Inwendigkeiten und kosmische Zusammenhänge…über Sehnsucht und Einsamkeiten, über Liebe und andere Mutmaßungen…ach, immer immer wieder sind es Menschen, um die mein gesamtes Dasein kreist, ja auch in dem Bewusstsein, daß ständig schreckliche Dinge auf der Welt passieren, ich wüsste nicht, für was es sich mehr lohnen könnte zu leben als dafür, das Herz füreinander aufzumachen und miteinander zu sprechen, zu lachen, zu weinen, zu schweigen, sich zu trösten und sich zu lieben…

Ich werde zum Bach gehen heute noch und auf seinen Gesang lauschen und in mich hineinhorchen und den „Alperer“ jodeln…ein uralter Gesang , um einem Geist der Berge zu huldigen, der christlich dämonisiert wurde, aber meiner Meinung nach, wie Knecht Rupprecht und viele mehr, eigentlich einmal als wilder grüner Mann der mächtigen alten Göttin gefolgt ist…

Die alte Göttin, auch dämonisiert, weil sie nicht nur gibt, sondern auch nimmt, ist auch bereits auf dem Weg übers Land und mit der wilden Jagd durch die Lüfte: Frau Percht, die  Göttin des Berglandes.

 

Es gibt über diese alten Geschichten viel zu lesen und zu spekulieren…ich meine, es ist am allerwichtigsten, einfach mal irgendwo anzukommen und ein wenig zu bleiben und zu horchen, zu schauen und alles weitere SEIN zu lassen.

 

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Bild: Luise Wittmann

 

 

Wintersonnenwende

Die Sonne schaue
Um mitternächtliche Stunde.
Mit Steinen baue
Im leblosen Grunde.

So finde im Niedergang
Und in des Todes Nacht
Der Schöpfung neuen Anfang,
des Morgens junge Macht

Die Höhen laß offenbaren
Der Götter ewiges Wort;
Die Tiefen sollen bewahren
Den friedvollen Hort.

Im Dunkel lebend
Erschaffe eine Sonne.
Im Stoffe webend
Erkenne Geistes Wonne.

Rudolf Steiner

 

 

T.20 der Mutmaßungen über die L.i.e.b.e.

Wir konnten nur glücklich sein, wenn es dem anderen gut ging. Daß es dem
anderen gut gehe, das war der größte Wunsch. Wir mussten einander nicht
fragen, fühlen genügte. Nicht einmal am selben Ort mussten wir dafür
sein. Ging es dem anderen schlecht, trübte sich das Licht. Dann saßen
wir beieinander, bis es vorüber war. Die Amsel sang wieder. Einmal war
ich sehr krank, und du hast mir etwas Bitteres eingeflößt, ich konnte
kaum einen Tropfen davon auf der Zunge ertragen. Du führtest den Löffel
an meinen Mund, einen Schluck nur, flehtest du, und deine Wärme
durchströmte mich. Was auch immer es war, es heilte mich. Es geht
besser, flüsterte ich und sah dich lachen und weinen. Dann lachten wir
beide, Tränen liefen uns über die Wangen. Und immer wieder sang die
Amsel. Bis zu dem Tag, da sie verstummte. Und das Licht trübte sich.
Aber immer fühle ich dich.

Vielen herzlichen Dank , liebe Madame!

T.19 der Mutmaßungen über die L.i.e.b.e.

3 Mutmaßungen über die L.I.E.B.E.

1
„Ein Mann mit gewissen Wunden geht hierher“, kommt mir unterwegs in den Sinn. Ich bleibe kurz stehen, um den Satz zu notieren, und als ich aufschaue, ist da dieser Baumstamm vor mir. In Augenhöhe stecken zwei blaue Heftzwecke in der Rinde, sie sind übrig geblieben von einer fotokopierten Suchmeldung, deren größter Teil abgerissen wurde, bis auf „gesucht wird der kleine Buddy“, das ist alles, was geblieben ist.
Ich reiße die Seite aus meinem Notizbuch, auf der ich „Ein Mann mit gewissen Wunden geht hierher“ geschrieben hab, und befestige sie am Baumstamm, mit den beiden blauen Heftzwecken, überm kleinen Buddy, und gehe weiter.
Einmal dreh ich mich noch kurz um und denke, aha.
Zwei Tage später. Der Satz hängt noch genauso da. Ein kleiner Steckbrief, den ich schon vergessen hatte, umso seltsamer berührt er mich jetzt. Man blickt sich automatisch um, weil man diesen Mann sehen möchte, der das geschrieben hat, das mit den eigenen Wunden. Ich fühle mich bloßgestellt, von mir selbst.
Erst als ich weiter gehe, den Hund an meiner Seite, fange ich mich allmählich. Mit jedem Schritt wird der kleine Zettel richtiger. Was ist Falsches daran, einen Satz aus seinem Kopf rauszuhängen wie ein Fähnchen aus dem Fenster, damit er einen nicht weiter verfolgt. Belästigt. Und wo ist so ein Satz besser aufgehoben als in der Natur, wo der Wind ihn jederzeit mitnehmen kann, nach Hause.
Das hat irgendwie mit Liebe zu tun.

2
Aus ihrer Kindheit hat Sanne ein schweres Knödeltrauma davongetragen, sozusagen. Ihre geliebte Großmutter Soest, die immer so lecker nach Essenmachen und Nivea roch, hat das Essen noch selbst zubereitet, und zwar komplett, sogar den Nudelteig. „Der hing immer über der Stuhllehne wie ein Fensterleder.“ Doch für die kleine Sanne gab es nichts Schöneres, als die knochigen Hände der Oma zu beobachten, wenn sie den Teig für die Kartoffelklöße knetete, die leckersten der Welt.
„Mit solch krummen Fingern konnte man ja nur gut kochen, da steckte der ganze Schmerz des Lebens drin.“
Sie bereitete die Mahlzeiten nicht nach Mengenvorgaben zu, sondern nur nach Gefühl, selbst wenn an hohen Feiertagen die fünfzigköpfige Familie zusammenkam und bekocht werden wollte.
„Fünfzig?“ frag ich erstaunt.
„Keine Ahnung. Aber die haben gefressen wie fuffzig.“
Dass die selbstgemachten Knödel die leckersten der Welt waren, geschenkt. Aber dass die Gräfin es heute einfach nicht schafft, die Klöße so lecker hinzukriegen wie Oma Soest in den späten 60ern, das hat tiefe Spuren bei ihr hinterlassen.
„Oje, wenn Oma mir jetzt zuguckt oben im Himmel, die schlägt wieder die Hände überm Kopf zusammen!“ schimpft Sanne, als sie es sonntags wieder einmal versucht, die Knödel wie Oma hinzukriegen. „Kind! Nun nimm nicht so viel Milch!“

3

Seit dem Frühlingstag 1987, als Sanne mit einem winzigen Knäuel Collie vor der Tür stand, habe ich die verschiedensten Hunde kennengelernt, darunter auch zwei, die immer wieder stiften gingen, die Spaß daran hatten, auf eigene Faust loszuziehen. Es ist ja bei Hunden nicht anders als wie bei Menschen. Entweder man gehört der Liebe oder man gehört der Freiheit.
Lothar war ein kauziger kleiner Mischling, der gelernt hatte, das Verhalten von Menschen zu deuten, die an Fußgängerampeln standen. Gingen sie los, konnte er die Straße ebenfalls überqueren, blieben sie stehen, blieb er auch stehen. Es war tagtäglich dieselbe Strecke, die Lothar zurücklegte, man konnte die Uhr nach ihm stellen. Vom Marmorhandel seines Herrchens am Ufergarten quer durch die Stadt zur Parkanlage am Hippergrund ging es immer brav den Bürgersteig entlang. Lothar war die Bürgersteig-Variante eines Streuners. Unterwegs sammelte er die belegten Brote auf, die Schulkinder achtlos weggeschmissen hatten und verdrückte sie samt der knisternden Butterbrottüten. Ein verfressener kleiner Kerl, aber immer top gebürstet und getrimmt, darauf legte Lothar Wert.
Mandy dagegen, schwarze Labradorhündin, war unberechenbar. Sie wäre gerne ein Lebewesen der Liebe gewesen, treu und anhänglich, doch sie nutzte jede Gelegenheit, um auszubüxen. Und wenn sie Tage später wieder auftauchte, dann in den entlegensten Hofschaften. Als Frau Moll noch Welpe war, gingen wir in Wuppertal-Cronenberg spazieren, und mitten im Wald kam dieser schwarze Hund auf uns zu. Er beschnupperte uns freundlich und trabte eine Weile neben uns her, wie ein gemütliches kleines Pony. An seinem Halsband hing ein Clip.
Ich heiße Mandy, und ich wohne Bertha-von-Suttner-Straße, Solingen.
„Wie..? Das ist doch ganz in der Nähe von uns“, sagte ich.
Also fuhren wir sie heim, die kleine Globetrotterin mit dem unschuldigen naiven Blick, voller Vertrauen an das Gute im Menschen und an die Nachgiebigkeit von Autokarosserien, mit denen man als Hund Bekanntschaft schließen kann.
Von-Suttner Strasse, Solingen. Flachdachbungalows, Familienkutschen vor der Tür, große umzäunte Grundstücke. Auf einem stand ein Mann im weißen Unterhemd, den spritzenden Wasserschlauch in der Hand.
„Ist unsere Dicke wieder ausgebüxt?“ rief er ungerührt und wässerte weiter seinen Rasen, während Mandy schwanzwedelnd durch die offene Küchentür trat, ohne sich noch mal umzudrehen.
Wir haben sie noch mehrfach getroffen, guten Tag gesagt und sie dann ihres Weges ziehen lassen, (einmal im tiefsten Widdert), doch seit zwei, drei Jahren ist sie von der Bildfläche verschwunden. Bis gestern, am späten Sonntagnachmittag, auf den Feldern am Theegarten. Die Sonne versank schon als blutroter Hüpfball am Horizont, als Mandy mit einem Mal vor uns steht, wie aus dem schwanzwedelnden Nichts. Erst erkennen wir sie nicht und denken, es wäre ein alter Hund, der keine Kraft mehr hat und hinter seinem Herrchen zurückgeblieben ist, schließlich ist Sonntag und eine Menge Betrieb auf den Feldern. Doch bald ist weit und breit kein Herrchen und kein Frauchen mehr zu sehen. Nein, der Hund ist allein unterwegs.
„Oder ist das etwa.. Mandy?“ Sanne schaut am Halsband nach. „Klar ist das Mandy. Mann, hat die abgenommen.. Ist die dünn geworden.“
Vielleicht ist sie krank gewesen, oder ihr Herrchen im weißen Unterhemd hat sie im fortgeschrittenen Alter auf Diät gesetzt, wer weiß. Frau Moll schnuppert desinteressiert an ihrem Hintern, Mandy lässt fröhlich den Schwanz kreisen, wie ein Lasso.
„Na, kleine Globetrotterin“, kraule ich ihr den Hals, und Mandy bedankt sich mit einem Blick aus ihrer tiefen und treuen Streunerseele.
„Ich kann doch nichts dafür, dass ich immer unterwegs sein muss“, sagt dieser Blick, bevor sie über die verschneiten Felder verschwindet, in die Richtung, aus der sie gekommen ist.

Tausend Dank an Andreas Glumm, den Dichter