Alle Artikel von Graugans

my fickle friend, the summerwind …

 

 

 

In ihrem erdfarbenen Kleid sitzt sie auf einem Stein  und schaut über das Land. Viel Arbeit wartet auf sie, Löwe hat seine ungebändigte Lust am Leben ausgeschüttet, wie immer ohne Maß und Ziel und ohne einen Gedanken darauf zu verschwenden, was mit dieser Fülle geschehen soll. Die Früchte des heissen Sommers hängen schwer und üppig an den  überladenen Ästen, mehr und mehr fällt das überreife Zuviel an Allem zu Boden … ein leichter Geruch nach fauliger Süße weht durch die Luft. Nach einer ersten Analyse werden die Hände der Jungfrau zupacken und wie immer wird sie ihre exakten Systeme zur Vorratshaltung walten lassen und Ordnung machen in diesem Durcheinander von allem, was vom Sommer übriggeblieben ist. Nicht alles ist verwertbar, was so herumliegt, zu schwer gewordene Träume und allerlei Illusionsspuk wirft sie in die Luft, manch einen Schmerz läßt sie beim faulen Obst liegen, Liebe, die noch glüht, klaubt sie auf und berwahrt sie in ihrem Herzen bis ihre Zeit reif ist. Behutsam und liebevoll wird sie die Gaben mit ihren heilenden Händen ordnen und sie zu gegebener Zeit an Waage weiterreichen.

Unter einem Busch kriecht Löwe hervor, müde legt er seinen mächtigen Schädel auf ihre Knie, behutsam streicht ihre Hand über sein struppiges Fell. Du hast mir Dein Geheimnis anvertraut  und Du weißt, ich werde es gut behüten … ihr goldener Kamm gleitet durch seine verfilzte Mähne, sein Leib dehnt und streckt sich, ein kurzes rauhes Brüllen, und schon ist er auf und davon, in großen Sprüngen über die Hügel.

Der ganze Tag war düster, auf einmal funkelt es golden durch die Regenwolke, ein letzter Hauch warmer Sommerwind spielt mit ihrem Haar und streichelt ein Lächeln in ihr Gesicht. Du Gaukler, denkt sie.

Now, Baby Blue …

Gewidmet dem geliebten Herrn Graugans in großer Dankbarkeit!

Brütende Hitze in der Scheune, dem ehemaligen Heuboden des alten Hofes, ich stehe im Dämmerlicht auf dem verrutschten Teppich, der mal Tanzfläche war und sehe mich um … keine Spuren mehr vom großen Fest, das hier stattgefunden hat. Ein paar vergessene Flaschen umgefallen in einem Eck,  ein Schild „Route 66“ leuchtet auf, als ich an ihm vorbeigehe, eine kleine rote Blume aus Krepp liegt am Boden vor den ordentlich an die Wand gelehnten Tischen und Bänken … ein Tiger aus Pappmaché lehnt an einem Mauervorsprung, Sonne, Mond und Stern, ausgeschnitten und mit Alufolie verkleidet, drehen sich an einer Schnur über mir, alles steht an seinem Platz, der kleine alte Traktor riecht nach Motorenöl, und in der Luft liegt der vertraute Geruch nach altem Holz und Staub. Das Fest ist längst vorbei, alle Gäste sind in ihre Leben heimgekehrt, die nicht enden wollenden Dankesreden für das Glück dieser Musiksommernacht werden weniger, der Rausch ist vorüber; wenn der Höhepunkt erreicht wird und keine Steigerung mehr möglich ist, dann geht es zurück ins Tal der normalen Wirklichkeit.

Ein außergewöhnliches Fest, schade, daß es schon vorbei ist, ich hätte gerne immer weitergetanzt, alles vergeht so schnell … da stehen ja noch die Boxen … „you must leave now, take what you need, you think will last, but whatever you wish to keep, you better grab it fast …“

Ein Schnur fällt von irgendwo herunter, daran hängen zwei ramponierte Lampions, die über den Boden torkeln und sich aneinanderklammern, wie die Paare dieses Wettbewerbs im Dauertanzen in diesem Film, dessen Titel mir nicht mehr einfällt. Love and Peace steht an der Wand.

Ich bin alleine, ich spiele das Lied immer und immer wieder, die Stimme von Eric Burdon dringt mir ins Herz, warum werde ich denn auf einmal so unendlich traurig? Ich beginne, mich langsam zu bewegen, wie in Trance drehe ich mich im Kreis und sehe Eure glänzenden Augen … es ist leicht, ein schönes Fest für Menschen zu machen, die mit soviel Bereitschaft zur Freude kommen. Monatelang haben wir diese Nacht vorbereitet, aber als die Gäste dann pünktlich alle miteinander dastanden, ist Herrn Graugans und mir so ziemlich alles entglitten, das Essen war noch im Kühlschrank, das Bier war warm und ich stand herum, vollbepackt mit Geschenken, schwitzend und aufgelöst vor Glück. Aber durch schnelles und beherztes Eingreifen meiner wunderbaren Freundinnen war alles schnell da, wo es sein sollte, bis auf die Ananasbowle und das scharfe Chilli con Carne, beide wurden erst am nächsten Tag erinnert. Unglaublich, wie die Idee angenommen wurde, ein Fest zu gestalten, an dem die Musik der absolute Mittelpunkt ist! Ich kann mich nicht erinnern, daß in den letzten 50 Jahren Feste am Hof so viel und so lang getanzt wurde, manche tanzten überhaupt das erste Mal im Leben so ausgiebig, Frauen tanzten miteinander, Männer vergnügten sich herumlehnend und manche blieben einfach sitzen und strahlten den ganzen Abend vor sich hin … was für ein Publikum  auch für den Master of Music, den wunderbaren Mr. Sam Hawkins, der sich für den Job des DJs von mir einfangen ließ, weil er ein gutmütiger und liebevoller Freund ist und mir diesen Wunsch erfüllen wollte. Er hat sich damit unglaublich viel Arbeit aufgeladen und in der Recherche nach Musiktiteln sind wir beide ein wenig größenwahnsinnig geworden und letztendlich hat er dann ca 35 Std. „Material“ mitgebracht … wir  werden mehrere Feste brauchen, um alles abzutanzen … lieber Mr. Music, Du weißt, alles geht ja jetzt erst richtig los und einer Weltkarriere steht nichts im Weg!

Alte und neue  Freundinnen und Freunde schleppten kleine und große Drachen an, Reisegeld und Proviant und Wegweiser, um ja nicht die Richtung zu verlieren auf der Route 66 und in einer alten klapprigen CD Hülle fand sich eine selbstzusammengestellte Kostbarkeit, die mich an zärtlicher Hand durch den Soundtrack der Jahrzehnte zur 66 führt und mich darüber hinaus begleitet durch alles, was so daherkommt am Weg, Dank lieber Freund für Dein gutes Gespür.

Ein Fest der glänzenden Augen ist es geworden. Alles, was zum Leben gehört, durfte mitgebracht werden, manchen gelang es, ihre Sorgen abzustreifen wie ein paar alte Schuhe und sie tanzten barfuß weiter.

„Leave your stepping stones behind there, something call´s for you…“

Die Sonne steht im Löwen, da hält sie sich gerne auf, denn sie ist seine Herrin. Alles ist reif und trägt Früchte, das Leben strömt aus sich selbst heraus und verschenkt sich im Übermaß, es ist eine Zeit der Fülle, des Gebens und Empfangens.

Eine heiße laute Rocknacht habe ich mir gewünscht, alle haben mitgemacht, um sie mir zu schenken und hatten selber viel Spaß dabei. Ob Menschen sich freuen, ist überhaupt nicht planbar, im allerhöchsten Fall kann es gelingen, eine Atmosphäre herzustellen, die Freude und ein paar Glückstupfer möglich machen, alles andere geschieht , weil es geschieht. Nie werde ich vergessen, wie es sich anfühlte, die lange Version „In la Gadda da Vida“ zu tanzen. Dieses Geschenk verdanke ich einem Master of Music, der trotz Gemurre aus dem Publikum erkannte, daß da ein paar Menschen sich freitanzen wollen… ein großes Glück, so einen DJ zu haben, der die Kunst beherrscht, auch mal nur für wenige dazusein, ohne die anderen zu vergraulen. Ich tanzte zwischen zwei Wassermännern und es war ein unglaubliches Erlebnis, die Qualität des Geistes, die Vision, die mit anderen geteilt wird, zu spüren, die Kraft der Luft … ich war mit den Füssen am Boden und mit dem Kopf im Himmel und es war so schön, ich konnte spüren, wir sind viele und wir können die Welt gestalten … meine Güte , irgendwie wirkt eine kleine Ahnung in mir nach, um was es gehen kann im Zeitalter des Wassermann… „…ich stellte einen Fuß in die Luft und sie trug“ (H.Domin)

… und auf einmal sprang hinter der Maske eines anständigen braven Bürgers ein wilder junger Kerl hervor und legte ein Luftgitarrensolo hin auf der Mitte der Tanzfläche, grandios und leider einmalig … aber es ist ja noch nicht aller Tage Abend…

… es ist finster geworden am alten Heuboden, ich zünde eine Kerze an, tanze und tanze und bin glücklich und traurig zugleich …

the highway is for  gamblers, better use your sense“, ja, jetzt bin ich also auf der Straße, alle haben nochmal gewunken und jetzt muß ich sie abschreiten, die 66! Was wird am Straßenrand alles warten auf mich, werde ich die Steine im Weg bewältigen, werde ich endlich ein paar Verhaltensweisen verändern können, die sich wie ein roter Faden durch mein Leben ziehen, oder sollte ich mich einfach so mögen, wie ich bin, höchste Zeit wirds ja, nicht wahr?

„Leave your stepping stones behind there, something calls for you … strike another match go start anew … and it´s all over now, baby blue …“ (B.Dylan)

Und dann hör ich mir das Lied nochmal an, laut, und als Eric Burdon singt: Crying like a fire in the sun, da wirds mir so weh ums Herz, daß ich weine und weine und alles fällt von mir ab, die ganze Aufregung der letzten Wochen und ich bin so glücklich, so viele wunderbare Menschen zu kennen und trotzdem fühle ich mich gerade so einsam , ausgesetzt auf dieser leeren Straße und dann steig ich aus meinem Kleid und tanze nackt weiter und sage, Du alte Löwin, Dein Pelz ist durchlöchert von den Einschlägen und Deine Formen sind lang schon nicht mehr das, was sie mal waren, manchen Leuten gehst du gewaltig auf die Nerven, weil Du Dein Maul nicht halten kannst, Du hast immer viel zuviele Worte und viel zu viele Gefühle und für Dein Alter auch noch viel zu viele Fragen, Du verschenkst Dein Herz für eine kleine Schmeichelei, Du läßt dir die Show stehlen und stinkfaul bist Du sowieso, Dein Herz ist viel zu groß , Du  bist eine Jägerin und verschenkst die Beute , aber Du brennst, alte Löwin, dafür liebe ich Dich, und die, denen es ebenso geht, die sollen am nächsten Fest mit Dir tanzen, die anderen können sich verpissen!

Die alte Löwin leckt sich genüßlich die Pfoten , trocknet die Tränen und so nackt wie sie ist, tut sie den ersten Schritt, denkt: Honkytonk ist überall, wenn der Lippenstift das richtige Rot hat und schmeißt sich in den warmen Wind, der ihr vom Highway entgegenweht …

Herzensdank an alle, mit denen ich Freude und Glück, Lachen und Weinen teilen darf und die mir mit diesem Fest ein Wunder geschenkt haben!

 

ach ja … „a sigh is just a sigh“ …

Automassen wälzen sich von der ständig verstopften Autobahn über alle Bundesstraßen durch das Tal, Tag und Nacht. Seit April schwebt die Idee des Jahrhundertsommers über dem Land und erzeugt massiven Wohlfühl – Leistungsdruck. Ich stehe stundenlang im Stau und blicke in mißmutige, abgehetzte Gesichter, denen dort, wo sie herkommen das Glück weggelaufen ist und die wohl meinen, wenn sie ihm möglichst schnell hinterher rasen,  könnten sie es einholen … man bewegt sich einfach mal in Richtung Süden, und wenn man der Autobahn München – Salzburg folgt, dann wird schon irgendwann das Mittelmeer auftauchen, da wird es dann an die Strände gespült … das Glück … und mit ihm die Leichen von den Ertrunkenen, die  über´s Meer gekommen sind, auch sie getrieben von der irren Hoffnung, es könne ein wenig Glück für sie am Strand übrig sein. Alle paar Tage schwemmt es tote Babies an, wer kann das noch aushalten ohne schreiend durch die Gegend zu laufen.

Ich lebe in einem sehr schönen und sehr reichen Bundesland. Täglich wird in Bayern eine Fläche von ca. 14 Fußballfeldern zubetoniert mit Gewerbeparks, die kein Mensch braucht und mit unzähligen Einfamilienhäusern mit beheizten Doppelgaragen mit Blick auf die Berge. Den Kühen werden die Hörner weggebrannt, die saftiggrünen Wiesen sorgen mit fünfmal Mähen im Jahr für gleichbleibende Milchleistung, die unnütz ist und mies bezahlt.  Das Land ist reich an Industrie, florierendem Massentourismus, Schneekanonen , Alpenglühen, man pflegt sorgfältig die Klischees, trägt Dirndl, spricht charmantes südliches Hochdeutsch und fliegt im Winter auf die Seychellen. Nachbarshäuser haben Sprech- und Alarmanlagen, weil es  doch seit Jahren irgendwo paar Flüchtlinge gibt, die bedrohlich viel Geld kosten und von denen man nicht weiß, wo sie sich herumtreiben. Die Internetversorgung ist schlecht, deshalb verspricht der aktuelle Ministerpräsident, ganz viel Glasfaser nachschieben zu lassen. Im Herbst ist Wahl. Die einen behaupten, sie hätten zurecht Recht und fürchten sich davor, daß das Volk den anderen noch vielmehr Recht gibt, weil die noch viel mehr zurecht Recht haben. Deshalb strengen sich alle recht an und stellen ihre Kraft zur Schau. Das politische Schmierentheater spielt eine lang geprobte Posse, ein Lehrstück aus dem Inneren des patriarchalen Tempels: ein ausrangiertes Alphamännchen, das sich für Gottvater hält, neidet seinem Nachfolger dessen an sich gerissene Macht und rennt wie Rumpelstilzchen um die Chefgöttin herum, die es seiner Ansicht nach nur gibt, weil ER sie erschaffen hat, die aber undankbar viel zu wenig auf ihn hört und ihn auch noch Kraft ihres Amtes falsch eingeparkt hat … die Handlung ist zäh, irgendwann kapiert niemand mehr, um was es eigentlich geht und warum das alles so ein Drama sein soll, die Rollen sind nicht sehr glaubhaft, am ehesten noch die der Chefgöttin, die in all dem Tohuwabohu aufgeregter Männchen und deren Speichelleckern bewundernswert die Contenance bewahrt.

Und während das Volk gebannt auf die Bühne starrt, treiben die Toten auf dem Meer und ein Schiff voller Menschen darf nirgendwo einlaufen, denn wir wollen es denen jetzt mal richtig zeigen, wenn sie nicht daheim bleiben, da wo sie herkommen, dann sollen sie halt ersaufen, gell, liebe Regierung, so soll es sein, so sichert man die Grenzen unseres geliebten deutschen Vaterlandes. Meine Güte, wie ich mich schäme für all das,  ich verneige mich in großer Achtung vor dem Kapitän dieses Schiffes, der sich jetzt kriminalisiert vor Gericht befindet …

Endlich dieser warme Regen, er läßt die Last dieser Schwüle sanft zu Boden sinken.  Der Sommer ist eine Illusion, er hält nie, was er verspricht …  wenn er beginnt, hat er gleichzeitig schon seinen Höhepunkt überschritten und alles wird rückläufig … le petit mort … die Bezeichnung für den Liebesakt und die Sommersonnenwende … alles genauso flüchtig wie die Kirschen … kaum sind sie reif, geht alles ganz schnell, sie werden immer dunkler und süsser und noch süsser und schon sind sie eingetrocknet und es ist, als wären sie nie gewesen. Vier große alte Bäume voller Kirschen. Die Elstern hatten viel zu tun. Der Mond der reifenden Beeren wird sich bald zeigen und mit ihm wird mein Leben auf die Route 66 zusteuern.  Kaum haben wir in der längsten Nacht die roten Röcke fallenlassen und in wilder Nacktheit die Sonnenwende betanzt, kichernd die Gesichter geheimer Liebschaften im Wasser spiegeln gesehen und das Kräutlein, das unsichtbar macht gesucht … schon ist wieder alles vorbei und doch hat es soeben erst begonnen.

Selber alt geworden gehe ich herum im alten Haus, ich bin nicht alleine, viele Dagewesene  gehen mit mir, und ich freue mich auf die Kommenden, die bald die Räume mit Lachen und Plaudern füllen, viel ist noch vorzubereiten, aufzuräumen, um Platz zu schaffen. Ich finde einen großen Sack voller Zöpfe aus Flachs, Jahrzehnte lagern sie irgendwo, sind sie 50 oder 100 Jahre alt? Ihr Duft nach Stroh und Getreide steigt mir in die Nase und Bilder steigen in mir auf und überfluten mein Herz. Ich erinnere mich an Strohgarben, mit diesen ganz speziellen Stricken geschnürt, die am Ende so Holzklöppel hatten, blaue, rote, gelbe … ich rieche den Staub und den Sommer und den Schweiß meines Vaters, der sich sehr plagen mußte, um die Strohballen nach oben unters Dach zu werfen. Plötzlich spüre ich den Stoff seines Hemdes und seine kitzelnden Bartstoppeln, wenn er mich immer wieder hochhob, mich an sich drückte und mir ein großes „Zwickerbussi“ gab, weil er sein kleines Dirnderl einfach so liebhatte. Viele Spuren in die bäuerliche Vergangenheit führen durch Haus und Hof, viele Relikte künden von schwerer Arbeit , nehmen Platz weg, versperren den Weg und verstauben … und es gibt immer Menschen, die sagen: verkauft doch alles bei Ebay, das alte Zeug ist sehr gefragt oder werft doch den ganzen alten Krempel weg. Es gibt Dinge, wenn ich die in irgendeinen Container werfen täte, dann würde mein Herz mit hineinfallen.

Zur Bearbeitung von Flachs wurde in den Wintern in einem „Brechelbad“ gut eingeheizt, Wasser erhitzt und alten Geschichten nach gab es dann so eine Art Sauna und es wurde sich vergnügt und manch eine Lustbarkeit wurde ausgetauscht, diesen alten Geschichten zufolge, denn es wurde nicht nur Flachs, sondern auch Hanf gebrechelt … solange, bis die Kirche einschritt, dem Vergnügen ein Ende machte und die Kräuter- und liebeskundigen Frauen auf die Scheiterhaufen warf. Ganz in der Nähe unseres Hofes gibt es diesen Platz, wo das Brechelbad in ganz alten Zeiten stand, man erzählt sich, daß die Erde dort deshalb so schwarz ist, weil sie im Winter soviel einheizen mussten für das „Haar“! Wenn der Flachs von den hölzernen Stengeln befreit war, wurde er über solche Eisenraffeln gezogen, die noch bei uns herumhängen, er wurde gekämmt und hieß anschließend „Haar“.  Ich lasse die Zöpfe durch meine Hände gleiten und denke an die Königin im Märchen, die aus Flachs Gold spinnt  und an eine im Norden, die ich sehr mag , ich erinnere mich an ihren langen goldenen Zopf und an ihr Feenkleid … wie schön muß es sein, zusammen mit ein paar Frauen im Winter in der Stube zu sitzen und das Haar zu Fäden zu verspinnen und dann das rupfene Tuch daraus zu weben … begleitet von Lachen und Weinen und unzähligen Geschichten … die Zeit, wo kommt sie her, wo geht sie hin … geh ich neben ihr her, laufe ich ihr davon oder stecke ich sie in mein großes blaues Tuch, verknote die Zipfel und hänge es an meinen Wanderstab und gehe einfach weiter über Stock und Stein …

Wieviele Wege sich doch kreuzen in so einem Leben, denke ich, Menschen kamen auf mich zu, gingen an mir vorüber oder blieben ein wenig stehen, gaben mir die Hand, lehnten sich an, manche brausten mit Getöse in mein Herz vorne hinein und hinten wieder hinaus, manche ließen was da, manche nahmen alles wieder mit, manche blieben ein Weilchen, manche sorgten für Aufruhr und manchmal passiert es, daß sich jemand in meinem Herzen in einem Winkel zusammenrollt, ganz still ist, nichts tut und nichts verlangt, aber dann, wenn kalte Winde mich frösteln lassen, eine warme Decke hervorzaubert … ja, es wird nichts leichter, wenn man alt wird, der Körper verfällt zusehends und immer mehr erkenne ich, daß das Leben aus Abschiednehmen und Loslassen besteht, und ob das mit der Weisheit was wird bei mir ist bis jetzt nahezu ungeklärt, ich bin eine unverbesserliche alte Löwin, immer auf der Jagd nach Drachen, Sonne und Mond und dem Meer dazwischen und nach Musik, Worten und vor allem und immer wieder nach Menschen, von denen ich einfach nicht genug bekommen kann …  und ich bin immer hungrig, denn meistens hab ich auf halbem Wege Mitleid mit der Beute …

Und als jetzt mal ein lieber Freund einfach so sagte: „Du bist so wunderbar, hat Dir das eigentlich heute schon wer gesagt?“ … da hab ich mir gedacht: ich werde weiterhin Drachen jagen, schräge Musik hören und Menschen nerven mit unmöglichen Ideen … was kann mir denn schon passieren, solange es jemand gibt, der sowas sagt zu mir?

Und letztendlich ist es ja so: Herzensangelegenheiten kommen und gehen und manchmal bleiben sie.

 

 

 

 

 

Berühre …

„Ich bin überzeugt, daß wir viel zu wenig langsam sind“. Robert Walser

Unter einer gelben Staubschicht läuft uns die Zeit davon …

Ostern so schnell vergangen, die Ausführlichkeit der Leidensgeschichte führt zum großen Höhepunkt, aber die Auferstehung, als Erlösung aus Tod und Verderben angekündigt, hält nicht, was sie verspricht und läßt mich alleine mit Worten, deren Bedeutung mich verunsichert. Die Frau aus Magdala geht zum Grab, um ihn zu salben, ihm einen letzten Liebesdienst zu erweisen, das Grab ist leer. Er steht vor ihr, aber sie erkennt ihn nicht, denkt, es wäre der Gärtner. Erst als er ihren Namen sagt: „Maria!“,  da spürt sie plötzlich, daß er es ist und sie wendet sich ihm zu, möchte … voller Liebe? … ihn berühren? … ihn gar küssen? … aber er weist sie streng zurück und sagt: „Noli me tangere“ (me mou haptou) … berühre mich nicht, halte mich nicht zurück, denn ich bin noch nicht zum Vater aufgefahren … ja, das sollen in etwa seine Worte gewesen sein … dann verschwindet er wieder. Ich fühle ihr Herz schlagen.

Eine merkwürdige Begegnung, zwischen Leben – Tod – Leben; einer war drei Tage und Nächte begraben, dann erhebt er sich und ist weder tot noch lebendig, sein Körper darf nicht berührt werden, sonst … ? Ein Rätsel bleibt dieser Zustand, daß man einen Menschen vor sich hat, der nicht da ist, aber weg ist er auch nicht.

Das erinnert mich an dieses Koan: Du kennst das Geräusch, das zwei klatschende Hände machen … wie hört sich eine Hand an?

Eine Geschichte mit verschiedenen Ebenen, Jahrtausende hindurch wurde je nach Bedarf in ihr herum gedeutet, heraus- und hinein interpretiert, falsch übersetzt und Manches, Vieles, den Vorlieben der jeweiligen Herrschaft bis zur Unkenntlichkeit angepasst und verstümmelt, dessen bin ich sicher. Und trotzdem ist was geblieben, diese tiefe Erkenntnis, daß die Großen Mysterien in Wahrheit ganz einfach sind und förmlich vor meinen Füssen liegen … Der Dalei Lama hat mal gesagt, er würde sich wundern, warum die Menschen zu Tausenden  aus Europa nach Tibet kämen, um dort die Wahrheit zu finden, obwohl sie doch zu Hause Meister Eckardt hätten …

Der Weg geht weiter auf Pfingsten zu, da wird selbst mir, die alles Zauberische und Geheimnisvolle liebt, die Geschichte zu abstrus und ich freue mich auf weitere tiefe Gespräche miteinander und zueinander, mit wunderbaren Menschen quer durch alle Medien. Ich bleibe eine alte Agnostikerin, hungrig nach Wahrheit, nach Erkenntnis … und ich möchte wissen, was Pfingsten außer einem freien Tag mehr noch bedeuten könnte.

Ein paar Tropfen Regen, dem alten Wolf ist nach Heulen zumute, der Vollmond streut ein paar Kristalle in sein Fell.

Berühr mich, ich bin da. Der Mai streicht über unsere Haut. Küsse schmecken nach Blütenstaub.

 

„Was kann süsser sein als einen Freund zu haben, mit dem du alles, was in deinem Herzen ist, besprechen kannst wie mit dir selbst? Das ist wahr. „( Meister Eckhart, 1260 – 1327 )

 

Der Leib

Der Leib ruht im Grab.

Seit Anbeginn der Zeiten muß der Held in einer guten Geschichte durch Düsternis und Qualen wandern und Mutproben bestehen, manches Mal wird er sogar zerstückelt, um dann neu zusammengesetzt und an Weisheit reicher dem Leben entgegenzugehen. Ein lieber Freund war besorgt, meine Worte hätten so verbittert geklungen … Naja, ich bin in eine Geschichte eingestiegen, die mich gepackt hat , die für alle, die sich ernsthaft damit beschäftigen, auch für mich, zu groß ist in ihrer einfachen Aussage. Es geht um Leben – Tod – Leben . Die Bitternis des Karfreitags mußte durchlebt werden, sie gehört dazu. Jetzt ist Ruhe und die Kräfte sammeln sich für das größte Geheimnis und die größte Freude: Die Auferstehung!

Ich gehe nicht in die Kirche, aber ich freue mich sehr darauf, die Glocken wieder zu hören, die ja verstummt waren. Es hat sich lieber Besuch angekündigt, Eier müssen gefärbt werden und ein Osterzopf wird gebacken. In der Osternacht um 5 Uhr werden wir um ein Feuer stehen und reden, lachen, singen und schweigen und irgendwann wird die neue Sonne über den Bergen hinter Salzburg hervorkommen und wir werden den neuen Morgen begrüßen und dann um den Tisch sitzen und miteinander essen, das Brot brechen und unser Lächeln wird es segnen, und wir werden froh sein darüber, das wir fürs erste das Leid und die Kümmernis abgestreift haben.

Ihr Lieben, alle, die Ihr mir bis hierher gefolgt seid, ich grüße Euch herzlich und danke Euch für Eure Aufmerksamkeit! Selbstverständlich werde ich auch noch das, was mich begeistert, aber auch, was mir Rätsel aufgibt an diesem Wunder der Auferstehung hier aufschreiben in den nächsten Tagen und freue mich, wenn Ihr mir gewogen bleibt! Kommt gut durch diese verzauberte Osternacht, laßt es Euch gutgehen und macht es Euch schön! Einen Wegweiser möchte ich uns allen mit auf den weiteren Weg geben, die Umsetzung ist nicht einfach, aber die Freude ist grenzenlos, wenn wir den Mut dazu haben:

„Liebe und tu was Du willst!“  (Augustinus)

In diesem Sinne seid gegrüßt, danke für die wundervollen Kommentare, ich werde sie alle beantworten, jetzt wartet schon der aufgegangene Hefeteig und möchte zum Zopf geflochten werden und die Eier wollen sich färben … Musik erklingt:

I see a darkness …

Es war absolut nichts Besonderes, der abscheuliche Tod des jungen Rabbi . Viele tausend Menschen wurden vor ihm und nach ihm ans Kreuz genagelt, da brauchte es nicht viel und schon gar nicht mußte man behaupten, Gottes Sohn zu sein. Die Machthaber durften tun, was sie wollten, ein Menschenleben war nicht viel wert, noch nie, auch heute nicht. Überall auf der Welt wurden und werden Menschen abgeschlachtet wie das Vieh und der Tod war auch ein Meister aus Deutschland, weil auch hier irgendwann irgendwer entschieden hatte, daß eine ixbeliebige Sorte Mensch ausgerottet gehört und eine Masse dazu gejubelt hat.

Im Namen von Jesus wurden Kreuzzüge veranstaltet und Millionen Menschen umgebracht, verbrannt, zu Tode gequält. Seine Existenz gilt als relativ gesichert, ob sich die Geschichte so zugetragen hat, wie dieser menschenverachtende, kirchliche Machtapparat behauptet, … daran zweifle ich sehr. Ich fühle mich auch heute noch ausgegrenzt und mißachtet, warum ich immer noch nicht ausgetreten bin, ist mir ein Rätsel … vielleicht hat es mit der Alternative zu tun.

Die Geschichte dieses jungen Wanderpredigers, der ganz sicher nie ein Religionsstifter sein wollte und schon gar nicht Gründer einer Amtskirche, und ob er nun der Messias war, das ist eine andere Geschichte und muß ein anderes Mal erzählt werden; aber er hat ein paar Worte hinterlassen, die die Welt aus den Angeln heben und sie zu einem Paradies machen könnten. Eine ganz schlichte Aufforderung und wie jede echte Magie einfachst in der Anwendung und jederzeit und überall zu praktizieren:

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ … und es kommt nicht von ungefähr, daß man beim Quellenstudium auf viele Frauen trifft, die ihn sicher manches gelehrt und begleitet .

Als er am Kreuz dem Tod entgegendämmerte soll er gesagt haben: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Und wenn es stimmt, daß er mit letzter Kraft „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ hinausweinte … dann hat er wohl doch auch bis zuletzt auf das Wunder gewartet, daß ein Vater da sein möge, der ihn rettet. Er war wohl einer von uns, die wir doch alle bangen, daß dieser Kelch des Sterbens an uns vorüberginge.

Ja, wir wissen, daß es eine Dunkelheit gibt, in der kein Trost mehr ist und die Hoffnung brüchig , was die mögliche Auferstehung anbelangt. Und doch tragen wir unsere Rettung im Herzen ohne zu begreifen

die Liebe

Mitten ins Herz

Der Film „Lucky“ ist mir unter die Haut mitten ins Herz gegangen. Schier unbeschreiblich,  Handlung gibt es kaum, passieren tut nichts, eigentlich wirkt alles wie eine Momentaufnahme des Lebens in einem kleinen Nest irgendwo in Amerika. Die Straßen sind staubig, die Sonne scheint grell und ein alter Mann geht durchs Bild, wie durch die Kulissen einer Westernstadt.Er hat seine Verrichtungen, hat feste Regeln und Zeiten, wo er seinen Kaffee trinkt und Kreuzworträtsel löst, alles läuft nach Plan, er geht nachhause, um bestimmte Shows im Fernsehen anzuschauen und am Abend sitzt er in einer Bar und trinkt Tomatensaft und unterhält sich mit den immer gleichen Leuten.

Harry Dean Stanton(91) spielt seine letzte Rolle in diesem großen kleinen Film, einen 91 jährigen, kauzigen Eigenbrötler und er spielt in einer vollkommen unsentimentalen Wahrhaftigkeit, die kaum auszuhalten ist. Die Kamera geht erschreckend nahe an ihn heran, man sieht jede Falte an diesem alten, dürren Klappergestell von einem Körper und man sieht diesen schönen sinnlichen Mund, einen Schopf brauner, ungebändigter Haare und Augen …diese Augen, dunkel und so tief wie das Weltall und ich denke, daß ich diese Tiefe bis jetzt nur bei denen gesehen habe, die von weit her kommen und gerade geboren werden oder bei denen, die sich bald auf die Reise hinaus machen. Später erfahre ich, daß Harry Dean Stanton kurze Zeit nach dem Fertigstellen des Films plötzlich gestorben ist …

Irgendwann merkt Lucky, daß auch er sterblich sein wird, daran hatte er bisher noch nicht gedacht. Und er sagt zu jemandem: wenn Du mir versprichst, daß Du es nicht weitererzählst … ich hab eine Scheißangst!  Und irgendwann sieht er diese Frau an und in ein paar Sekunden spielt sich zwischen ihnen eine Liebesgeschichte, für die andere ein Leben brauchen und dann singt er dieses Lied …

Schön ist das, nach dem Kino 35 km durch die Nacht zu fahren, über Land, auf kleinen leeren Straßen, achtzugeben auf die Krötenwanderungen, den Mond über den Bergen zu sehen und an diesen schönen alten Mann zu denken, der mit einem Lächeln einfach weitermachte egal, wie lang es noch dauern sollte.

Wir haben alle mal Angst, nicht wahr, eine Scheißangst sogar. Auch in dieser Geschichte damals, im Garten Gethsemane , da war einer mitten unter seinen Freunden und er wusste, er würde bald sterben, aber die Freunde schliefen. Dann hat er Blut geschwitzt vor Angst.

Er sprach nicht nur davon, er war ein Liebender, das verbindet mich mit ihm.

Mein Vater, der Tod und Jesus in der Stube

Oft vermisse ich die langen Gespräche „über Gott und die Welt“, die früher einfach dazugehörten zum Leben, vor allem hier in der Stube des alten Hauses. Erscheint es mir nur so, oder interessiert sich niemand mehr für diese Fragen um Leben und Tod und warum wir denn hier sind auf dieser Erde und was denn vor uns war? Oder hat einfach niemand Zeit, oder hat bereits jeder das Gesuchte schon gefunden? Manchmal befürchte ich, so ziemlich alleine übriggeblieben zu sein mit meinen zweifelnden Fragen mitten hinein in die großen spirituellen Geheimnisse, religionsverweigernd und gottsuchend gleichermaßen. Eine Agnostikerin auf meine spezielle Art, nichts glaubend, alles für möglich haltend, hungrig …

Oft saßen mehrere um den Stubentisch, und ganz egal, womit das Gespräch begonnen hatte, Politik oder mittelalterliche Kunst, irgendwann landete es beim Ärger meines Vaters über die Kirche, die ihm verlogen erschien, weil sie von ihm einen Glauben verlangte an Dinge, die sie selbst nicht beweisen konnte. Und dann war man beim Lieblingsbuch meines Vaters: „Jesus in schlechter Gesellschaft“ vom hochverehrten Adolf Holl, der deshalb aus dem Kirchendienst als Priester entfernt wurde.

Wie ich sie liebte, diese hitzigen Gespräche in langen Nächten über Bibelstellen und Texte aus den verbotenen Büchern der Apokryphen, und darüber, was denn Jesus in den 33 Jahren so machte, darüber stand ja nichts geschrieben … die Frauen um Jesus, ein Lieblingsthema von Pfarrer Hermann, das unterbrochen wurde von seiner bildhübschen runden Köchin, die dann sagte: komm jetzt Hermann, wir müssen ins Bett, Du hast morgen Frühmesse …

Einmal hat sich mein Vater von seinem Freund Leopold , den er wegen seiner angeblich „ewigen Polemisiererei“ nicht mochte, aber dennoch an ihm hing, um 22 Uhr verabschiedet. Um drei Uhr morgens standen sie immer noch mitten in der total verqualmten Stube, in ein Streitgespräch über die Frage, ob Jesus nun Gottes Sohn war oder nicht so heftig verwickelt, daß sie sich weder hinsetzen noch auseinandergehen konnten …

Meistens kam am Ende dieser langen Abende auch die Sprache auf das Sterben und manch eine große Angst wurde mit Bier hinuntergespült und wir waren alle froh, uns zu haben und beisammen sitzen zu können. Jetzt sind die Freunde von damals tot. Als ich meinen Vater im Krankenhaus besuchte, ein paar Tage bevor er sich auf die Große Reise machte, da erzählte er mir von einem Traum … der Boandlkramer (Tod) sei ihm erschienen und habe ihn sehr freundlich angesehen, gar nichts Bedrohliches sei von ihm ausgegangen. Nein, er habe nichts gesagt, nur freundlich gelächelt. „Wir müssen irgendwo dieses Ölgemälde haben, da steht ein Bergsteiger im Gebirge und der Tod hält das Seil und es ist, als tät er ihn beschützen und er schaut genauso aus wie in meinem Traum … ich weiß nicht mehr, ob ich es selbst gemalt habe oder der Max (sein Bruder), brings mir doch mit , wenn Du wiederkommst!“ Ja, und ich habe das ganze Haus abgesucht, in jeden Schrank mehrmals hineingesehen, alles umgedreht, nichts. Ich konnte dieses Bild nicht finden.

Und dann ist mein Vater gestorben.

Ein paar Wochen später öffne ich eine Schranktür und es liegt einfach so da.