Berühre …

„Ich bin überzeugt, daß wir viel zu wenig langsam sind“. Robert Walser

Unter einer gelben Staubschicht läuft uns die Zeit davon …

Ostern so schnell vergangen, die Ausführlichkeit der Leidensgeschichte führt zum großen Höhepunkt, aber die Auferstehung, als Erlösung aus Tod und Verderben angekündigt, hält nicht, was sie verspricht und läßt mich alleine mit Worten, deren Bedeutung mich verunsichert. Die Frau aus Magdala geht zum Grab, um ihn zu salben, ihm einen letzten Liebesdienst zu erweisen, das Grab ist leer. Er steht vor ihr, aber sie erkennt ihn nicht, denkt, es wäre der Gärtner. Erst als er ihren Namen sagt: „Maria!“,  da spürt sie plötzlich, daß er es ist und sie wendet sich ihm zu, möchte … voller Liebe? … ihn berühren? … ihn gar küssen? … aber er weist sie streng zurück und sagt: „Noli me tangere“ (me mou haptou) … berühre mich nicht, halte mich nicht zurück, denn ich bin noch nicht zum Vater aufgefahren … ja, das sollen in etwa seine Worte gewesen sein … dann verschwindet er wieder. Ich fühle ihr Herz schlagen.

Eine merkwürdige Begegnung, zwischen Leben – Tod – Leben; einer war drei Tage und Nächte begraben, dann erhebt er sich und ist weder tot noch lebendig, sein Körper darf nicht berührt werden, sonst … ? Ein Rätsel bleibt dieser Zustand, daß man einen Menschen vor sich hat, der nicht da ist, aber weg ist er auch nicht.

Das erinnert mich an dieses Koan: Du kennst das Geräusch, das zwei klatschende Hände machen … wie hört sich eine Hand an?

Eine Geschichte mit verschiedenen Ebenen, Jahrtausende hindurch wurde je nach Bedarf in ihr herum gedeutet, heraus- und hinein interpretiert, falsch übersetzt und Manches, Vieles, den Vorlieben der jeweiligen Herrschaft bis zur Unkenntlichkeit angepasst und verstümmelt, dessen bin ich sicher. Und trotzdem ist was geblieben, diese tiefe Erkenntnis, daß die Großen Mysterien in Wahrheit ganz einfach sind und förmlich vor meinen Füssen liegen … Der Dalei Lama hat mal gesagt, er würde sich wundern, warum die Menschen zu Tausenden  aus Europa nach Tibet kämen, um dort die Wahrheit zu finden, obwohl sie doch zu Hause Meister Eckardt hätten …

Der Weg geht weiter auf Pfingsten zu, da wird selbst mir, die alles Zauberische und Geheimnisvolle liebt, die Geschichte zu abstrus und ich freue mich auf weitere tiefe Gespräche miteinander und zueinander, mit wunderbaren Menschen quer durch alle Medien. Ich bleibe eine alte Agnostikerin, hungrig nach Wahrheit, nach Erkenntnis … und ich möchte wissen, was Pfingsten außer einem freien Tag mehr noch bedeuten könnte.

Ein paar Tropfen Regen, dem alten Wolf ist nach Heulen zumute, der Vollmond streut ein paar Kristalle in sein Fell.

Berühr mich, ich bin da. Der Mai streicht über unsere Haut. Küsse schmecken nach Blütenstaub.

 

„Was kann süsser sein als einen Freund zu haben, mit dem du alles, was in deinem Herzen ist, besprechen kannst wie mit dir selbst? Das ist wahr. „( Meister Eckhart, 1260 – 1327 )

 

9 Gedanken zu „Berühre …

    1. Wunderbar die Bezeichnung „wolfschorig“!
      Schicken Dir auch einen Gruß , wir regennassen Akeleyen und nicken mit den Feenhüten…

  1. Wer kennt schon noch Meister Eckhardt? Wer kennt überhaupt noch was aus dem Mittelalter? (Außer Wanderhuren, die mit Karl V. schlafen. Ächz.) Geschichtsbewusstsein? Fehlanzeige. Alles nur noch Hitler, Holocaust – und aus.

    „Vorwärts und schnell vergessen, woraus unsre Stärke bestand! Beim Kaufen und beim Fressen, vorwärts und schnell vergessen – für kommerziellen Tand!“

    1. Ach ja, lieber Mr.Blu, wie Recht du doch hast! Da gibt´s doch auch noch diesen Typen mit den „Säulen der Erde“, das hab ich mal gelesen, ich hab ja nun gar nichts gegen erotische Geschichten, aber wenn halt ein 800 Seiten Roman hauptsächlich seine „Kraft aus den Lenden“ holt, das reicht auch fürs Mittelalter nicht…
      Ich hab ja leider auch nicht so ein ausgeprägtes Geschichtsbewußtsein, was immer das ist, aber ich interessiere mich für vorromanische Plastik, das versteht auch kaum jemand…
      Liebe Grüße

  2. Du Liebe, welch ein Fluss an Sein, Denken, Fühlen und Fragen, hin zu dem wunderbaren Meister Eckhart, untermalt von Farbenfreude, einer Art Sinfonie, mit dem Titel „Vorwärts „. Das Vehikel ist das Schiff (wie gut es in die Blogparade gepasst hätte!), die leuchtende Welt drumherum, Tiefe und Herausforderungen als Punkte, als da und nicht wirklich tragend.
    Herzlichste Grüße, Ulli

    1. Du liebe Ulli, wenn ich Dich nicht hätte!! Wie wunderbar Du das wieder gesagt hast, hab vielen Dank, hat mich wirklich sehr gefreut! Aber, ob Du es glaubst oder nicht, das Schiff hab ich tatsächlich erst gesehen, als das Bild im Blog war, ist das nicht wieder bezaubernd geheimnisvoll? Und Du hast es auch sofort gesehen, es kam von irgendwo und jetzt zieht es seine Bahn durch dieses Bild und die „leuchtende Welt drumherum“, ach wie schön, seit Du das gesagt hast, gefällt mir mein Bild auch!
      Ich schick Dir herzliche Grüße über blühende Wiesen, Felder und über die Waldeswipfel hinaus…

  3. ein wunderbarer text, der mir das herz leicht macht und mich sehr nachdenklich macht!

    liebe grüße aus dem staubtrockenen mühlviertel
    gabriele

    1. Sei mir herzlich willkommen, liebe Gabriele und vielen Dank für Deine anerkennenden Worte!
      Liebe Grüße ins Mühlviertel aus dem schwülheissen Berchesgadener Land!

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