Kategorie-Archiv: Ausflüge

Die Schlucht

Ein paar vereinzelte Schneeflocken segeln aus der dunkelgrauen Pferdedecke, die schwer am Himmel hängt.  An klaren Tagen kann man von hier aus auf die Salzburger Berge, den König Watze samt Frau und Kindern und womöglich bis weit ins Dachsteinmassiv hineinschauen. Alles ist mir bekannt und vertraut und doch bin ich fremd hier. Ich war schon bei den Pyramiden, aber noch nie hier an diesem Ort, 20 km von daheim. Dem großen, behäbigen Klotz von einem Hof, malerisch alleine auf der Hügelkuppe, hat man schon lang die filigranen Ursprünge herausgebaut. An der Hinterseite des Stalles scheint eine alte, windschiefe Mauer den Zeitläuften zu trotzen. Ein paar knorrige Nußbäume und ein vermooster Hollerbusch stehen davor, man stützt sich gegenseitig.

Es ist aufgeräumt und sonntäglich still, keine Menschenseele zu sehen. Das heisere Gebell des unsichtbaren Hundes klingt nach Einsamkeit und Kette.

Im Rand des dunklen Fichtenwaldes soll eine Pforte verborgen sein, durch die man zum Abstieg in eine tiefe Schlucht gelangt. Wir irren herum, es schneit jetzt heftiger und dann, es läuft mir ein Schaudern über den Rücken, sehen wir die Schlucht unter uns und es ist mir, als müsste ich eine unsichtbare Schwelle überschreiten.

Ein Forstweg mit den selten gewordenen Spuren eines holzschleifenden Ackergauls schlängelt sich neben dem tief eingegrabenen ausgetrockneten Bachbett hinunter. Uralte Sagen ranken sich um diese Gegend. Gleich auf der Anhöhe hinter dem Wald steht eine Kirche ganz alleine da, nur umgeben von ein paar Ringwällen. Die dazugehörige Burg hat die Zeiten nicht überdauert, das Geschlecht ist längst untergegangen und aus den Mauern wurden die umliegenden Gehöfte gebaut.

Nachweisliche Historie verliert sich in diversen Vergangenheiten. Geschichten sind übrig geblieben. Dunkle Geheimnisse um diese Schlucht, an deren Ende eine Felswand sein soll mit einem Gang zu einer Raubritterburg , verschlossen durch die eiserne Türe. Es ist die Rede von den Venedigern, gesteinskundigen kleinen Männern,  die „fühlig“ waren, d.h. sie konnten erkennen, wo Erze im Boden wuchsen … wir gehen den steilen Abhang hinunter auf einen alten Jahrmarktsplatz zu, auf dem heute hundertjährige Eschen stehen, wo früher die Karren der Schausteller und Händlerinnen ihre Ware feilboten und wo getanzt wurde; aber vor Mitternacht musste Ruhe sein, denn dann „ging es um“, dann trieb dort der Teufel mit wilder Horde sein Unwesen…

Die Schlucht zieht sich, es wird immer dunkler, der Wald ist mir nicht geheuer, in meinem Kopf sprechen sich die Geschichten,  um mich herum Nadelbäume in finsterer Monokultur … „was mache ich hier ?“- dieser Satz von Bruce Chatwin begleitet mich  … die Füsse versinken im angetauten Morast.

Kannst du nicht wenigstens ungefähr sagen, nach was wir eigentlich suchen, fragt mich der Fotograf und verschwindet im Unterholz. Nach was suche ich denn … nach diesem „heimlichen Grund“ der Höhlenkinder vielleicht, sage ich, nach diesem erregenden Gefühl von Fremde und Aufbruch und Angst und Wildnis und Abenteuer und was weiß ich, vielleicht auch nur Lust, einfach Lust und Hunger auf das Leben die sich meiner bemächtigten, und mich nie mehr ganz losließen, seit ich als junger Mensch diese Bücher las.  Ein paar Frauen mit langen wehenden Röcken überholen mich, zwei laufen weiter und eine setzt sich auf das abgebrochene Geländer des hölzernen Steges, der über den Bach führt. Biberfräulein heißen sie in den Geschichten, zu dritt und schwarzweiß sollen sie sein, meist taucht nur eine von ihnen auf und hilft zwar immer wieder den in Not geratenen, aber man hält sie für unberechenbar. Man meidet ihre Nähe, denn manch ein Versuch von jungen Burschen, mit ihr zu scherzen, endet tödlich. Sie gibt und nimmt, bindet und löst , beherrscht das Wandeln und Bannen, das Unsichtbarmachen und ein Blick von ihr läßt aus einem starken Mann einen liebeskranken, ergebenen Diener werden.

Die Frau neben mir auf dem Geländer schlenkert mit den nackten Füssen und singt leis vor sich hin, die Melodie kommt mir bekannt vor, … das Lied handelt von einem, dem das Herz so weh tut, wenn er ein spezielles Mädchen anschaut, das so schwarze Zöpfe hat und rote Wangen und weiße Haut … meine Großmutter hat es immer mit mir gesungen. Und ich lehne mich an das Geländer und singe das alte Lied mit dieser fremden Frau, dicke Schneeflocken verkleben die Augen, nur schemenhaft bemerke ich in meinem Augenwinkel ein graues Fellbündel. Ein Hund? Nein, eher ein Wolf, ich kann ihn nicht gut sehen, denn wenn ich genauer hinschaue, verschwindet er. Sag mal, in diesen vielen Geschichten da steht aber nichts davon, daß Dir ein Wolf folgt, oder?

Mit einem hellen Auflachen springt die Frau mit einem Satz vom Geländer, dreht sich zu mir, geht durch mich hindurch, läuft mit wehendem schwarzen Rock einen kleinen Pfad entlang und verschwindet in einer Felswand. Ich stehe da, und lausche dem leiser werdenden glockenhellen Lachen hinterher … wer ist sie … Fee oder Königin … Spuk, Traum … ihr Gesicht … sie hatte keins.

Ich fühle mich beobachtet. Du bist ja noch da, sage ich und sehe seine alten Augen in einem grauen Fell, und als ich dem Weg der Königin folge zur Felswand, da scheint er mich zu begleiten, ich spüre ihn mehr, als ich ihn sehen kann, merkwürdig vertraut … als wäre es schon immer so gewesen.

Dort angekommen an dieser Wand aus Nagelfluh suche ich die Türe, aber da ist nichts. Nur Stille, heimlicher Grund, wie eine Falte in Raum und Zeit, nur ein paar Schneeflocken und die Sterne umkreisen mich tonlos … was ist, wenn nichts mehr ist …

Alles.

Ist.

 

 

 

Der Himmel über Naumburg

Unsere Schritte hallen auf dem matt glänzenden Kopfsteinpflaster  durch das nächtliche mittelalterliche Städtchen. Gelblicher Lichtschein strömt aus den Straßenlaternen … oder sind es Fackeln? Eine Gruppe Jugendlicher kommt uns entgegen:  „Guten Abend!“ sagt jeder freundlich zu uns … was war das denn – ja, jetzt hab ich mich aber auch gewundert … wir bleiben stehen und lächeln uns an, dann werde ich nachhause gebracht zu meiner Pension, wie sich das gehört. Gute Nacht Bludgy, schön war es heute, ich freue mich auf morgen!

Ich gehe die Steintreppen hoch zur Ferienwohnung im vierten Stock eines alten Stadthauses, in die ich am Vortag eingezogen bin, um in den nächsten Tagen der Einladung eines Bloggers zu folgen. Wir sind uns im Schreiben vertraut geworden und möchten jetzt die Personen kennenlernen, die wir „in Wirklichkeit“ sind. Das ist eine höchst riskante Angelegenheit, denn wie ein Mensch sich schreibend darstellt, muß nicht unbedingt zur Realität, die er ausstrahlt,  passen.

Ich befrage die Zimmerwirtin, wo der vereinbarte Treffpunkt genau ist.  Muddi, sag mal, hamm wir da nicht am Kramerplatz so´n Ding, was da rumsteht, Germanschia soll das heissen? Naaa … bekomme ich in der hiesigen Sprachfärbung hilfsbereit mitgeteilt, da steht was! Naaa!

Treffpunkt zwölf Uhr, High Noon, brütende Hitze, verschwitzt und aufgeregt renne ich also zur „Germania“ und da steht einer und sieht mir schon entgegen, freundliche Augen, hell wie weit geöffnete Fenster, Servus, freu mich, ja, ich mich auch! Warmer Händedruck, wir lachen uns an, ein guter Anfang, jetzt kanns losgehen!

Und wir gehen los! Da der arme Riffmaster samt Frau Gemahlin mit Motorschaden auf der Autobahn bei Bayreuth liegenblieb (nicht der erste, der dort gestrandet ist…), bekomme ich alleine das Stadt- und Landführungsprogramm und erlebe eine Fülle von Eindrücken und werde so reich beschenkt, daß ich, die immer hungrig ist, es am letzten Abend nicht mehr in die Kneipe schaffe zu einem Abschiedsbier, weil mein enormer Sättigungsgrad an Geschichten aller Couleur, tiefen Gesprächen, unglaublich viel Gelächter und das Bergaufgehen zu den „Burgen stolz und kühn“  mich nur noch mit letzter Kraft in den vierten Stock raufkriechen läßt, um am Abreisetag quer im Bett in Schuhen und dem Programm des wunderbaren Orgelkonzerts in der Hand wieder aufzuwachen …

Eigentlich ist es doch komisch, daß ich vor meiner Abreise daheim sage, ich fahre in den Osten, wo ich doch selber aus dem Osten komme! Was redest du denn, wir leben doch nicht im Osten, sagt Herr Graugans. Ja wo denn dann? Wir leben im Süden, das hier ist der Süden! Das hier ist der südöstlichste Punkt der Republik, sage ich. Nur Süden, sagt Herr Graugans, der Osten ist ganz woanders. Aha.

In der Domstadt frage ich Bludgeon Löcher in den Bauch, daraus hervor quellen Antworten, die mich verwirren, begeistern, beschämen, verwundern, erfreuen, meinen Wissensdurst befriedigen und gleichzeitig so viele Fragen aufwerfen … ich liebe es, gefüllt mit Antworten aber gleichzeitig mit mindestens sovielen neuen Fragen von einer Reise heimzukehren.

Viel viel sprechen wir darüber, ob es denn immer noch diesen Unterschied zwischen Ost und West im gemeinsamen Land gibt. Diese angebliche Kluft, gibt es die denn jetzt auch zwischen uns, Bludgy, wir sind uns doch sympathisch, oder, wir haben uns so viel zu sagen und wir lachen über die gleichen Sachen, es trennen uns doch nicht soviele Jahre oder soviele Kilometer, wo ist denn diese Kluft? Du bist in der damaligen DDR aufgewachsen und ich in der damaligen BRD, ist es das … ?

Aber, was bedeutet denn das, ein „Ossi“ oder ein „Wessi“ zu sein, gibt es denn das überhaupt … sag mal, bin ich also auch eine „Wessi“?  Hmmmmm …naja …

Ich stelle ziemlich viel blöde Fragen, er nimmt es gelassen hin und beantwortet alles, aber auch alles, klug und freundlich und ich lerne und lerne zu erkennen, wie wenig ich doch weiß.

Da breitet einer vor mir sein Leben aus, fährt mich an die Schauplätze seiner Geschichten, ich sehe einen kleinen Buben in der Nische der roten Felswand auf die alte Bäuerin warten, die ihn zum Kindergarten bringt, gehe an seiner Schule vorbei, da, schau mal, das ist das Haus, in dem der Henker lebte, ein Geächteter … ein sonderbares Schild deutet darauf hin …  erfahre, wie die Stadt aussah vor der Wende, wir suchen das fleischfarbene Kruzifix im Dom, ich spüre verschiedene Strömungen, ja, das Gebäude hatte mehrere Baumeister,  Frösteln beim genaueren Blick in das traurige Gesicht der Uta, die den Mantelkragen hochschlägt vor ihrem Mann … der Löwenkopf zwischen ihnen … merkwürdig … ein wildes Eichhörnchen, im Hamsterrad gefangen…warum weht vom Turm der Burg eine ukrainische Fahne? Die Jüdengasse … hier war das Ghetto … um 1500 mussten die Juden die Stadt verlassen … meine Güte … das holt mich herunter aus den Wolken, in  denen ich im vierten Stock meine zu leben … wir fahren durch einen Wald, die Bäume wachsen so hoch hinauf und bilden ganz oben eine Art Kuppel, ein grüner Dom … und dazu klingt Genesis … bitte lauter … noch lauter … Waaaaahnsinn, soooo schön ist´s jetzt! Und auf der Lichtung ertönt Priesnitz, Du weißt schon, die Musik im Film „Alois Nebel“, da braucht man nichts mehr sagen, nur zuhören und sich freuen. Später ein Besuch im Rosengarten mit Besichtigung eines riesigen Kopfes im Boot.

Am Abend dann Wandelkonzert, auf zwei Kirchen aufgeteilt, in der Pause marschiert das Publikum samt Organisten von der Wenzel- in die Marienkirche. Es ist immer noch so heiß und ich bin müde, aber natürlich lasse ich mir von der unwiderstehlichen Toccata und Fuge d-Moll, BWV 565 mein Herz öffnen und meinen Geist frei schweben!

Vieles, was wir noch erlebten, in diesen paar Tagen, hat Bludgeon so liebenswürdig beschrieben auf seinem Blog.

Ein paar Rätsel sind geblieben und harren der weiteren Ergründung: der Unterschied zwischen Thüringer (Kartoffel) Klößen und den bayrischen (Semmel) Knödeln scheint einem Mysterium gleichzukommen, auch die Tatsache, daß Rhabarbersaftschorle in manchen Regionen unseres Landes die Gläser blindmacht und woanders nicht, und keineswegs zureichend erklärt ist die Frage, wo denn die Meerkatzen zur damaligen Zeit herkamen, um Schach zu spielen im Dom?

 

Vielen Dank für diese wunderschönen Tage in einem bezaubernd freundlichen Städtchen, ich bin so reich beschenkt worden und muß auf dem Weg zur Autobahn soviel schmunzeln über alles, was wir so erlebt haben, daß ich plötzlich durch den Blütengrund fahre … anscheinend soll ich noch eine Abschiedsrunde drehen, um erst dann Richtung München den bayrischen Bergen entgegen zu fliegen.

Bis bald, lieber Bludgeon!

 

Das Meer hinter Hamburg…

Der Vollmond scheint, als ich mit meinem Trolley und den anderen Passagieren, mir kommt vor, viel zu vielen für die kleine Maschine, über die Rollbahn gehe. Der Salzburger Flughafen ist klein und nach ein paar Metern sind wir auch schon an der Treppe. Nach dem Verstauen von Taschen und Mänteln und der eigenen Leiblichkeit in den gebuchten Sitzen sollen wir also mit diesem kleinen Blechvogel nach Hamburg fliegen. Alle, auch solche, die weitaus weniger üppig sind als ich, wirken in die engen Sitze hineingequetscht…nur einer nicht, der junge Mann von gegenüber ist so dünn wie ein dürrer Ast und passt mindestens zweimal in den Sitz. Während des Fluges sehe ich oft zu ihm hinüber und denke mir, daß dies wohl der erste richtige Nerd ist, den ich sehe…sehr blass;  hochkonzentriert und pausenlos huschen seine Finger über das Tablet, keine Ahnung, was der da tut, aber er tut es pausenlos ohne aufzusehen. Alle hier drinnen husten, schneuzen, niesen, schniefen…und dann heben wir ab…jedes Mal ist es wie ein Wunder und ich lege mein Leben in die Hände des Piloten eines Billigfliegers.

Und dann: Ankunft in Hamburg und die Frage, wie ich mich einer riesengroßen fremden Stadt in zwei Tagen so nähern könnte, daß ich hinterher auf die obligatorische Frage:  „Na, und wie war´s in Hamburg?“ – auch was zu sagen hätte.

Der Grund der Reise war ein jährlich im Fasching stattfindendes Spektakel, venezianischer Maskenzauber an der Alster, von dem ich im Vorjahr im Blog  Irgendwas ist immer  so wundervolle Fotos gesehen hatte, daß ich spontan beschloß, beim nächsten Mal hinzufahren. Im Laufe des Jahres verschob sich der Schwerpunkt und ich wollte hauptsächlich Christiane kennenlernen und bei dieser Gelegenheit dem Karneval zusehen.

Und als ich am Montag in aller Frühe wieder in den Flieger stieg, war ich randvoll mit Erlebnissen, war einer liebenswürdigen Bloggerin begegnet und hatte das Gefühl, vier Wochen unterwegs gewesen zu sein.

Mir war  das Allerschönste passiert, was es nur gibt, ich wurde am Flughafen abgeholt, ins Auto gepackt und durfte schon mal eine nächtliche Runde durch die Stadt drehen. Von einer Hamburgerin herumgefahren zu werden und die Stadt sozusagen aus ihrem Blickwinkel zu sehen und dabei Interessantes sowohl über die Stadt als auch über die Reiseleiterin zu „erfahren“…wenn es dann noch viel zu plaudern und noch mehr zu lachen gibt und die Chauffeurin darüber hinaus auch noch eine absolut gelassene Autofahrerin ist, dann werden diese Erkundungen zum reinsten Vergnügen! Ich wäre am liebsten gar nicht mehr ausgestiegen. So eine wunderbare Stadt, weitläufig, großzügig, vom Wind durchgeblasen, der von der See kommt…vom blanken Hans…so hatte ich mir das zurechtgelegt! Ich weiß nicht, wie es dazu kam, aber für mich lag Hamburg am Meer, wenigstens bis vor kurzem…

Unter Zuhilfenahme ihrer Freunde, zwei smarten Hamburger Jungs mit Schalk in den Augen und so einem kleinen spöttischen Lächeln, versuchte Christiane, mir oberbayrischem Landei jenen Sachverhalt zu erklären, daß zwar das Meer 100 km entfernt sei, aber trotzdem Salzwasser in den Hamburger Hafen „gepresst“ würde…achja…und daß die Elbe …was weiß ich… als alle meine offensichtlich geistige Überforderung bezüglich des Vorkommens von Salzwasser mit Ebbe und Flut, unter  gleichzeitiger Meerlosigkeit sahen, wurde dem ein gütiges Ende bereitet:

„Weißte was, wenn Du nächstes Mal kommst, dann fahren wir nach Cuxhafen, dann erledigen sich alle Deine Fragen!“ Ja, okay.

Neben der Alster liefen unter kreischendem „Möwengedöns“ wunderschöne Masken herum und als ich, weil ich mir die Chance nicht entgehen lassen konnte, die grandiose Ausstellung von Paula Modersohn-Becker zubesuchen, aus dem Fenster sah, ging dort grad ein Baum auf hohen Stelzen vorbei, der mich plötzlich mit himmelblauen Augen in knorrigem Gesicht ansah…

Alles so bezaubernd, sehr freundliche und redebereite Menschen, unglaublich viele schöne Frauen, diese angenehme hanseatische Sprachmelodie…und nicht zuletzt am Ufer der Alster unzählige wunderschöne Graugänse, die auf einem Bein schliefen, im Hintergrund das Rot der untergehenden Sonne…

Dann, eine letzte Fahrt zum Bestimmungsort dieser Stadt, dem Hafen…jaja, ich weiß, ich habe eine wildromantische Ader, aber wer würde in Angesicht dieses großen Hafens mit seinen Kränen nicht an Freiheit und Abenteuer und „Seemann, Deine Heimat ist das Meer…“ denken , wen würde es da nicht hinausziehen…?

Und dann noch, aufgehoben bis zum Schluß, die Speicherstadt, wo alles gelagert wird, was aus der großen weiten Welt in Schiffsbäuchen kommt, Kaffee, Tee, Gewürze…und als meine wunderbare Stadtführerin mir sagt, daß ich mir da schon was einfallen lassen müsse beim nächsten Besuch…denn die Fahrt durchs Alte Land zum Meersuchen nach Cuxhafen, die Hafenrundfahrt mit der Barkasse und die Speicherstadt mit dem Einkauf von Tee und Gewürzen…also, ob da zwei Tage reichten?

Ja, da werd ich mir was einfallen lassen, liebe Christiane!

Es war ein wundervolles Wochenende und eine sehr gute Begegnung und es hätte nicht schöner enden können als mit dem Satz:

„Es war schön mit Dir, komm bald wieder!“

Ja, ganz sicher! Und herzlichen Dank für dieses warme Willkommen in kalten Wintertagen in einer fremden Stadt, die mir so fremd nicht mehr ist, genau wie die Stadtführerin!

Tschüüüüß dann, bis bald im Sommer!

 

Von einer, die auszog…

Ein paar Tage bin ich nun wieder daheim. Auf dem Bauernhof, da, wo alles anfing. Ein „Gütel“ nennt man so ein Anwesen wie das unsrige, wenn es zum „Gut“ nicht reicht, wenn es zum Leben zu wenig und zum Sterben zuviel ist. Das Weideland konnte grade so zwei Kühe ernähren und von der wenigen Milch trotzte die Großmutter noch so oft es ging ein wenig Butter ab, die sie dann zwölf km mit dem Fahrrad in die Kreisstadt auf den Markt brachte, um ein paar Pfennige für den Haushalt zu bekommen. Sieben waren es, zwei Mädchen und fünf Buben, die sie hier geboren und großgezogen hat.

Der Älteste wollte den Hof nicht, er und die zwei Schwestern heirateten woanders ein.  Einer war krank und ging zugrunde und zwei blieben im Krieg, gefallen an irgendeiner Front. Der Jüngste, mein Vater, übernahm den Hof.

Der Zweitälteste, der ihn kriegen sollte, ließ eine Frau und einen kleinen Sohn zurück, als er den Heldentod starb, meinen Cousin, den ich endlich, nach so vielen Jahren am Rhein besuche.

Ich werde liebevoll willkommen geheissen, jeder Wunsch wird mir von den Augen abgelesen, ich bekomme ein ausgeklügeltes Besichtigungsprogramm serviert, ich stehe auf der Fähre über den großen Fluss, flaniere durch wunderschöne alte Städte, werde ins Elsaß kutschiert und stundenlang durch die Churpalz gefahren, durch hügeliges Weinbergland,  viel plaudernde Freundlichkeit ringsherum, ich werde als die Cousine aus Bayern herumgezeigt. Ich bekomme Einführungen über russische Raumgleiter im Museum und über Kernkraftwerke, zu denen man niemals Atomkraftwerk sagen darf.

Über mir im offenen Verdeck des Wagens ein Himmel, der mir höher und weiter erscheint als im  Voralpenland, P. freut sich und legt ihn mir zu Füssen.

Und in allen Besichtigungspausen, beim Essen und am Abend in der Wohnung reden wir über früher…eigentlich reden wir pausenlos über früher. Und als ich im Dom zu Speyer an eine romanische Säule gelehnt dastehe, denke ich, wie weit man doch manchmal herumfahren muß, um zu erkennen, daß die ganze Reise nach draußen nur das eine Ziel hat, innen anzukommen.

Merkwürdig, P. fährt mich mit großem Aufwand in seiner Heimat herum und zeigt mir alles, gleichzeitig reden wir aber über meine Heimat, die wohl auch mal seine war. Und, obwohl er ein glückliches Leben hatte, zieht sich durch alles Erinnern eine kleine Wehmut, ich spüre sie in allen Antworten, die er mir auf meine Fragen gibt, aber vor allem in den Antworten, nach denen ich gar nicht frage.

Er hätte den Hof geerbt, wenn sein Vater nicht verschwunden wäre. Diese Tatsache sitzt zwischen uns im Auto und ich ahne die Zeichen einer alten Verbindung zwischen uns, wir teilen den Schmerz von verlassenen Kindern. Ein Hauch von Glück , durch dunkle, traurige Geschichten unserer Abstammung zu gehen und uns im hier und jetzt über alle Ungereimtheiten hinweg die Hände zu reichen.

Wir sitzen im Auto und fahren durch unsere Erinnerungen.

Auf dem Michaelsberg erfahre ich von einer geheimnisvollen Geschichte über einen ehemals dort hausenden grausligen Drachen und ich freue mich so darüber, an diesem Ort gelandet zu sein, weil Drachen älter als die Welt sind und ich ihre Spur verfolge…P. versteht zwar nicht, was ich meine, aber plötzlich weiß ich, er würde mich beschützen vor allem Bösen. Und ich weiß, daß ich den großen Bruder, den ich mir so gewünscht hätte, ein Leben lang schon hatte, ohne es zu wissen. Ich sehe seine Hände an und sehe die Ähnlichkeit. Alle in unserer Familie haben diese eher großen Hände, warm und trocken. Arbeitshände, die zupacken können. Ich mag unsere Hände, auch meine, die ein wenig zu weich sind um ständig zuzupacken.

Und als wir zum Auto gehen auf dem Drachenpfad, da hätte sich beinahe die Hand der kleinen Schwester in die des großen Bruders geschoben.

Ich treffe dann auch noch den Stiefvater meines Cousins und irgendwann verabschieden wir uns, nicht ohne die feste Zusage, doch nochmal in die „alte Heimat“ zu fahren, ja, gerne , bei uns ist die Türe offen, wir sind auch in der Seele verwandt. Vollbepackt mit vielen Geschichten und noch mehr offenen Fragen, mit Umarmungen und guten Wünschen und ein paar Tränen im Augenwinkel mache ich mich auf den Weg.

Am Ende meiner Reise verfahre ich mich total im Gewirr unbekannter Straßen und stehe vor einer verschlossenen Pforte. Ein freundlicher Fremder bittet mich herein, führt mich in ein kleines verzaubertes Gärtchen und überläßt mich für ein paar Stunden  einem goldenen Nachmittag und meinen Gedanken, die durch mich hindurchziehen wie die weißen Wolken über mir am blauen Himmel.

Märchenhafte Geschichten von zwei Kindern und dem Verschwinden seines Vaters, ihrer Mutter…der gemeinsame Großvater, der die eine Mutter vertreibt und die andere anspuckt, der große Krieg, die weinende Großmutter…die Hand im Butterfass…und zwei , die alt geworden sind und sich liebhaben wie Brüderchen und Schwesterchen…

aus einem kurzen Schlummer erwacht sehe ich rings um mich herum wunderschöne Rosen, die sich duftend in einem Sommerlüftchen wiegen…

ja, es war eine schöne Reise, weit hinaus und doch hinein und wohin man auch fährt und was man auch sucht…ich glaube, letztendlich findet man immer nur sich selbst…

bedächtig nicken die Rosen ihre Zustimmung, ich danke dem freundlichen Fremden für das Glück in seinem Garten und dann fahre ich heim.

 

Zwischenstand

Die erste Hälfte des Jahres ist um, Mitsommer vorbei, ich befinde mich in der Einflugkurve zu meinem 64. Geburtstag in ein paar Wochen, ich sitze auf der Hausbank und  sehe, daß die Kakteen unzählige Knospen haben. Merkwürdig ist das schon mit diesen Stachelgeschöpfen. Früher habe ich mich wirklich um sie gekümmert, habe sie umgetopft, von Läusen befreit, Erde ausgewechselt, alles getan, damit es ihnen gutgeht und das alles immer mit blutenden Händen, von abgeschossenen Stacheln verletzt. Geblüht haben sie nie.

Seit ich sie in die pralle Südsonne gestellt habe, ihnen hin und wieder ein paar Tropfen Wasser gebe und sie ansonsten nicht beachte, wachsen und gedeihen sie prächtig.

Aus einem wächst eine große, hellgrüne Kugel heraus.

Seit ich einen Hinweis auf die eigene Sterblichkeit bekam, ist mir so klar wie nie zuvor, daß ich mir die Wünsche, die ich habe selber erfüllen muß, von alleine geht da nämlich gar nichts. Und so werde ich mein eigenes diesjähriges Lebensprojekt weiter vorantreiben: Im Land herumreisen, Menschen treffen und Stätten mittelalterlicher Kunst aufsuchen.

Eine aufregende Reise und der Besuch bei einer Bloggerin liegt hinter mir, und ich denke mit einem Lächeln an ein paar vergnügliche Tage im Café Weltenall, herzlichen Dank an dieser Stelle nochmals an Ulli für die liebenswürdige Gastfreundschaft! Wir hatten lange, intensive Gespräche miteinander bei bester kulinarischer Versorgung, und es wird sicher nicht bei diesem Treffen bleiben.

In ein paar Wochen werde ich wieder verreisen und meinen Cousin P. in der Nähe von Speyer besuchen, hab schon etwas weiche Knie vor so langen Autobahnfahrten, und finde mich mutig und sehr cool, daß ich es trotzdem mache…werd schon überall hinfinden, schließlich ist ja auch ein Navi mit an Bord!

Freu mich so sehr auf alle neuen Eindrücke, die mich erwarten, vor allem auf den Dom zu Speyer und all das, was für P. Heimat bedeutet, die er mir endlich, endlich zeigen möchte. Unsere Familie ist ja mit diesen Kriegstragödien so verwoben, wenn der Vater von P. , der Bruder meines Vaters also, nicht im Krieg gefallen wäre, dann hätte er unseren Hof übernommen, meine Mutter wäre nicht aufgetaucht und ich wäre nicht auf der Welt, mein Vater wäre sonst wo gelandet. Merkwürdige Zusammenhänge sind das im Leben.

Ja, eine Kriegsgeschichte, mein Cousin ist mit Mutter und einem neuen sehr lieben Vater in der Nähe von Speyer gelandet und hat dort sein Leben verbracht und endlich, endlich komme ich zu Besuch und werde sehnsüchtig erwartet!

Das ist ein sehr schönes Gefühl, jemandem so willkommen zu sein. Ich frag mich ja, warum ich erst jetzt…egal, bald fahr ich los, das allein zählt.

Später im Jahr wird es eine Reise nach Leipzig geben mit einer kleinen Reisegruppe, ob wir da  sakrale Bauwerke auf der „Romanischen Straße“ besuchen werden oder ob wir nur in Leipzig unterwegs sind, das wird sich zeigen, freue mich sehr, endlich mal in den sogenannten Osten zu reisen und hoffe auf viele interessante Begegnungen.

Ja, fühlt sich gut an, so als ängstliches altes Mädchen mutig loszufahren (so weit das Geld halt reicht) hungrig nach Wissen, Eindrücken, Erlebnissen, Menschen und dann neu zu überprüfen, was „heimkommen“ wirklich heißt, denn wenn man nie weg ist…

Und von den Menschen, werden welche dabei sein, mit denen was bleibt? Wer weiß das schon. Aber einen Versuch ist es doch immer wert, nicht wahr?

Immer.

Die Dunkelheit schleicht sich immer näher an die Hausbank und streicht mir um die Beine.

Die glänzende grüne Kugel am Kaktus verändert sich, um 23.45 Uhr platzt sie auf und vor mir steht die strahlende Königin der Nacht!

_8464-Kaktus-1

 

 

 

 

 

Kußflug in den Mai

Mein erstes richtiges Fest muß ich wohl in einer Walpurgisnacht so um 1970 herum veranstaltet haben. Es war schon ziemlich progressiv, am Land Party zu machen, damals gab es sowas noch nicht, und wir wussten so mit 17, 18 Jahren auch überhaupt nicht, wie das geht. Ich lud einfach ein paar Leute ein, die ich kannte und da kamen dann alle möglichen noch mit, Freunde, Brüder, was weiß ich, die meisten hatte ich noch nie gesehen. Aber das war egal, denn das Fest sollte eh nur aus einem einzigen Grund stattfinden, an einen bestimmten Jungen irgendwie ranzukommen. Er war spindeldürr, hatte sehr seltsam angeordnete Blondlocken, war käsebleich und trug die allerheißesten beigen Schlaghosen, die ich je gesehen hatte und dazu einen braunen Pullunder über einem von der Mama mit scharfer Bügelkante versehenen Hemd, an dem ein riesiger Kragen schlabberte…also der letzte Schrei und totschick. Der Kerl selbst war eine Schlaftablette, er saß nur rum, sah mich zwar manchmal lange an, sagte aber nichts und tat auch nichts und hieß Werner. Er war schrecklich langweilig aber ich fand ihn so süß. Leider war er nicht dazu zu bewegen, mich mal zu küssen, keine Ahnung, hatte er noch nie, konnte er es nicht, traute er sich nicht…

Für das Küssen hat sich dann ein anderer angeboten, der konnte es , und wie und das gefiel mir auch, aber er wollte mich unbedingt gleich heiraten und ich wollte doch nach München, die wilden Jahre sollten beginnen.

Und so verging diese Nacht und alle suchten jemand zum Küssen, es waren aber nur ganz wenige Mädchen da und die wollten auch nicht ständig mit allen, die in der Gegend herumstanden. Als ich grade eine 2 Literflasche Lambrusco holte, packte mich plötzlich ein ziemlich kleiner Junge und drückte mir mit fest zusammengepressten Lippen ein Küsschen auf den Mund…ich weiß heute noch, wie sich dieser weiche Flaum in dem Bubengesicht angefühlt hat, komisch, was man sich doch merkt.

Die Nacht war kalt, die Romafamilie, wir sagten damals „Zigeuner“, die bei uns am Hof ihre Wohnwägen aufgestellt hatten, saßen um ein Feuer und alle Partygäste stellten sich auch mal hin, um sich zu wärmen. Alle bekamen vom köstlich gebratenen, zarten Fleisch zu essen und fischten sich ein paar fettige Grammeln (Grieben) aus dem Kessel.

Am nächsten Morgen stellte sich dann auf Grund der übriggebliebenen Reste heraus, daß wir wohl Igel gegessen hatten und die wunderbaren Grammeln waren Fleischfliegen, geröstet.

Ja, und heute steh ich am Hügel über dem alten Haus und schau über das Tal, nirgendwo ein Feuer, kein Fest wird gefeiert, alle sitzen vor den Fernsehern und draussen beginnt aufs Neue der Große Reigen, alles streckt sich dem Leben entgegen, die Bäume blühen, die Rosen breiten schon die Arme aus…

Meine gefiederte Hexenschwester landet neben mir und bestreicht sich die Flugfedern mit einer merkwürdig riechenden Salbe…damit fliegt es sich doch ein wenig leichter, sagt sie. Heut ist doch eine Nacht zum Götterzeugen…na ja, wenigstens ein wenig Schnäbeln wird doch drinsein, oder? – und schon ist sie verschwunden.

Schnäbeln? Ein wenig Flugsalbe und ich könnte auch herumfliegen und womöglich frech und übermütig sein und einfach so bei der oder demjenigen vorbeifliegen und ihnen Küsse rauben…ich wüsste da schon ein paar…wann denn sonst, wenn nicht heute Nacht…der Mai beginnt, der Monat der Liebe…

Soll ich?

Wann, wenn nicht jetzt!

 

 

 

 

 

 

Schlankeltage…

Heute ist die sechste Rauhnacht. In der Zeit dieser heiligen Zaubernächte haben schon die Altvorderen Vorkehrungen getroffen zur Abwehr der Dämonen, die um diese Zeit angeblich Haus und Hof, Mensch und Getier besonders bedrohen. Warum grad um diese Zeit , in diesen „Schlankeltagen“, wo alles ein wenig baumelt, „schlankelt“, nichts mehr austariert scheint zwischen Leben und Tod, ja, der Tod schlankelt mit, er lächelt freundlich, wie auch das Leben und alles dazwischen…also die Geschicke und die Räume für das Neue Jahr noch nicht zugeteilt wurden? Es ist mir ein Rätsel, warum in den Rauhnächten so eine Art Brennglas auf das, was wir „unser Leben“ nennen, gerichtet zu sein scheint, oder ist es ein überirdisches Vergrößerungsglas? Der Schmerz tut mehr weh, die Sehnsucht sehnt mehr, die Verluste brennen größere schwarze Löcher, auch längst abgelegte Sorgen sorgen sich wieder heftig, der Schlaf wird unruhiger, schwer wiegen Alter und Verfall der Körperlichkeit  und die verpassten Chancen verpassen sich erneut in den Nächten, in denen die Angst durchs Haus schleicht.

Und gleichzeitig passiert es, daß ich aus dem Stapel der Weihnachtswunschbücher „Alles hat seine Zeit“ von Karl Ove Knausgard herausziehe und mir sofort am Anfang ein Satz entgegenspringt, in dem steht, daß die Engel wahrscheinlich nur deshalb nicht in der Schöpfungsgeschichte vorkommen, weil sie schon vorher da waren! Während ich dem nachsinne, schwebt plötzlich von irgendwoher nach irgendwohin ein kleines weißes Federl durch den Raum. Und vor Glück fange ich an, zu weinen.

Und als Pagophila mir rät, der Kleinen „Lichtgestalt“ auf den Fersen zu bleiben, da seh ich sie wieder, als wäre es gestern gewesen, hier in diesem alten Haus in der Kammer über der Küche…ich muß ganz klein gewesen sein, ein paar Jahre alt, also nahezu vor 60 Jahren…da hatten wir Besuch, der über Nacht blieb, die zwei Kinder schliefen bei mir im Zimmer und da, mitten in der Nacht wachte ich auf, weil es plötzlich so hell war, so anders hell, es brannte kein Licht und da sah ich sie:  eine Gestalt aus weißem Licht beugte sich über eins der Betten und sah auf das Kind hinab…mehr weiß ich nicht. Niemand hat es je geglaubt, nur ich weiß, daß ich es gesehen habe. Ich kann es mir nicht erklären, es war einfach so und es machte mir keine Angst, obwohl ich ein sehr ängstliches Kind war.

Ja, das Projekt E. wird fortgesetzt, grade in diesen Zaubernächten will ich vermehrt horchen, nach außen und nach innen.

Ich bekomme den Hinweis, daß meine Mutter, die so außer Rand und Band war, daß ich mich 15 Jahre mit ihr quälen musste, eine Schwanenjungfrau war in Wirklichkeit und nicht hierher gehörte. Das würde nicht nur ihr plötzliches, tödliches Verschwinden erklären… ich muß dieses Märchen suchen…

Es schneit und schneit, wilde Stürme brausen ums Haus, es rüttelt und schüttelt sich das alte Gebälk.

Die uralte, wilde, ungestüme Frau Percht in ihrer Wintergestalt ist aus den Bergen, dort wo sie im Sommer wohnt, herabgestiegen und hat ihr wildes Heer um sich versammelt, sie jagen mit dem Sturmwind übers Land, hinter ihnen bauschen sich die Schneewolken. In ihrem Rucksack holt sie die Seelen der Verstorbenen ab und teilt neue zu. Sie nimmt und gibt, ist grausam und zart, alles gleichzeitig, Tod und Leben, gleichzeitig…immer…