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Mitten ins Herz

Der Film „Lucky“ ist mir unter die Haut mitten ins Herz gegangen. Schier unbeschreiblich,  Handlung gibt es kaum, passieren tut nichts, eigentlich wirkt alles wie eine Momentaufnahme des Lebens in einem kleinen Nest irgendwo in Amerika. Die Straßen sind staubig, die Sonne scheint grell und ein alter Mann geht durchs Bild, wie durch die Kulissen einer Westernstadt.Er hat seine Verrichtungen, hat feste Regeln und Zeiten, wo er seinen Kaffee trinkt und Kreuzworträtsel löst, alles läuft nach Plan, er geht nachhause, um bestimmte Shows im Fernsehen anzuschauen und am Abend sitzt er in einer Bar und trinkt Tomatensaft und unterhält sich mit den immer gleichen Leuten.

Harry Dean Stanton(91) spielt seine letzte Rolle in diesem großen kleinen Film, einen 91 jährigen, kauzigen Eigenbrötler und er spielt in einer vollkommen unsentimentalen Wahrhaftigkeit, die kaum auszuhalten ist. Die Kamera geht erschreckend nahe an ihn heran, man sieht jede Falte an diesem alten, dürren Klappergestell von einem Körper und man sieht diesen schönen sinnlichen Mund, einen Schopf brauner, ungebändigter Haare und Augen …diese Augen, dunkel und so tief wie das Weltall und ich denke, daß ich diese Tiefe bis jetzt nur bei denen gesehen habe, die von weit her kommen und gerade geboren werden oder bei denen, die sich bald auf die Reise hinaus machen. Später erfahre ich, daß Harry Dean Stanton kurze Zeit nach dem Fertigstellen des Films plötzlich gestorben ist …

Irgendwann merkt Lucky, daß auch er sterblich sein wird, daran hatte er bisher noch nicht gedacht. Und er sagt zu jemandem: wenn Du mir versprichst, daß Du es nicht weitererzählst … ich hab eine Scheißangst!  Und irgendwann sieht er diese Frau an und in ein paar Sekunden spielt sich zwischen ihnen eine Liebesgeschichte, für die andere ein Leben brauchen und dann singt er dieses Lied …

Schön ist das, nach dem Kino 35 km durch die Nacht zu fahren, über Land, auf kleinen leeren Straßen, achtzugeben auf die Krötenwanderungen, den Mond über den Bergen zu sehen und an diesen schönen alten Mann zu denken, der mit einem Lächeln einfach weitermachte egal, wie lang es noch dauern sollte.

Wir haben alle mal Angst, nicht wahr, eine Scheißangst sogar. Auch in dieser Geschichte damals, im Garten Gethsemane , da war einer mitten unter seinen Freunden und er wusste, er würde bald sterben, aber die Freunde schliefen. Dann hat er Blut geschwitzt vor Angst.

Er sprach nicht nur davon, er war ein Liebender, das verbindet mich mit ihm.

„… pour un flirt …“

Den Film habe ich mir nur deshalb angesehen, weil ich beim Umschalten bei ARTE hängenblieb und die magische Atmosphäre dieser Bilder und die Musik mich förmlich aufsaugten.

In irgendeinem krankenhausähnlichen Raum liegen Menschen in Betten oder hängen in Rollstühlen herum , werden an Tische geschoben und werden von freundlichem Personal versorgt. Viele sehen teilnahmslos vor sich hin, manche reden irgendwas. Ein kleiner alter Mann geht herum, sagt unverständliche Sätze. Ein Besucher steht an der Eingangstür und sieht ihn an, so lange, bis sein Blick erwidert wird. Der Besucher weicht nicht von seiner Seite, distanziert und doch nah … wie ein Schatten, der alles mitmacht … der kleine Mann spricht und aus dem Besucher wachsen Bewegungen dazu heraus … irgendwann erklingt Musik im Hintergrund … wunderschöne französische Chansons … der Besucher … offensichtlich ein Tänzer … bewegt sich weiter und weiter, sanft, anmutig zur Musik, gleitet um die Menschen herum und läßt sie teilhaben an dem, was sich aus ihm heraus entwickelt. Finger an starren Händen fangen an zu tanzen, verkrümmte Körper wollen sich dehnen, Köpfe nicken, Füsse wippen zur Musik … und manche wollen sprechen, dann setzt er sich zu ihnen und hört zu … er wirkt ganz ruhig und entspannt, obwohl er fast ständig in Bewegung zu sein scheint … alles, was er hört oder spürt wird zu Bewegung, alles fließt ineinander und umeinander und mündet in einen Fluß des Lebens …

irgendwann tanzt er mit Blanche , und nicht er bewegt sie sondern:  Es bewegt sich … so beginnt dieser Film …

Ich hätte ihn mir nicht angesehen, allein schon der Titel:  „90 Jahre sind kein Alter“ hätte mich eher abgeschreckt. Und was die Inhaltsangabe betrifft … ein Choreograph macht ein Tanzprojekt mit Alzheimerpatienten und holt sie aus ihrer Starre und eine alte Frau verliebt sich in ihn und wird wieder zu dem jungen Mädchen, das sie mal war, das hätte ich sicher nicht sehen wollen, und dann noch die Frage: „Hilft Musik bei Alzheimer?“ Ob das so oder so ist, das ist mir vollkommen egal.

Das ist ein Film der Spürungen, es ist eine Dokumentation über die  Arbeit des Choreographen Thierry Thieû Niang, sie zeigt, wie einer seine Passion lebt: er tanzt … mit offenen Armen, begehbaren Augen, umarmt, trägt, lehnt sich an und stützt … nichts wirkt gekünstelt oder auch nur beabsichtigt … alles ist … alles darf sein … wie eine lauwarme Sommerbrise, die die Haare im Nacken kräuselt … Liebe leuchtet auf in aufgewachten Augen und strömt ihm entgegen, sie bringt auch ihn zum Leuchten, er läßt sie fließen … im Hintergrund diese wunderbare Musik, alte Schlager, Chansons …

Dieser Film nimmt mich mit hinein in den Tanz des Lebens und berührt mich tief in meiner Existenz.  Was genau da passiert, dafür braucht es nicht viel Worte, nur die Bereitschaft, sich von der Lust auf das Leben tragen zu lassen …

Auf seiner Homepage:  http://www.thierry-niang.fr
stehen Texte, die meinen Herzschlag treffen und sicher in die Richtung deuten, woher die Bestätigung seiner Arbeit kommt.

Körper, erinnere dich nicht nur daran, wie oft du geliebt
wurdest, Nicht nur an die Betten, in denen du lagst, sondern
auch an jenes Verlangen nach Dir, Das aus offenen Augen
strahlte, An das Zittern der Stimmen – und wie Ein zufälliges
Hindernis es vereitelte. Jetzt, da alles der Vergangenheit
angehört, Scheint es fast, als ob du dich auch Jenem Verlangen
hingabst – wie es strahlte, Erinnere dich, aus Augen, die auf
dich gerichtet waren, Wie die Stimmen nach dir zitterten,
erinnere dich, Körper (1918)
Constantin Cavafy

O Mensch! Gib acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
„Ich schlief, ich schlief-,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht:-
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh-,
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit-,
will tiefe, tiefe Ewigkeit!“
Friedrich Nietzsche

Der Film: „Une jeune fille de 90 ans“
Regie: Valeria Bruni Tedeschi
Yann Coridian

ist in der ARTE – Mediathek noch bis Anfang August zu sehen!

Ich weiß, daß es bei Dokufilmen meist keinen Soundtrack zu kaufen gibt,
hier bedauere ich das wirklich sehr, sehr!
Nachfolgend eines meiner Lebenslieblingslieder, bei dem ich mich seit Jahrzehnten frage, ob es wohl irgendwo eine Frau gibt, die solche wunderbaren Worte schon mal geschenkt bekam … naja, wahrscheinlich gibts sowas nur in Frankreich … seufz …!

 

„It is a risk …“

„It is a risk to love.
What if it doesn´t work out?
Ah, but what if it does.“

Peter McWilliams

Ja, ich glaube,  Mick zwo hat recht, wenn er schreibt: “ Allerdings glaube ich, dass die Geschichten nicht passiv sind. Sie laufen uns über den Weg, nicht umgekehrt! „

Diese Worte führen genau dahin, an diesen Punkt, an dem so unwiderruflich klar wird, daß die Zeit reif ist für genau diese eine Geschichte und keine andere…

Genauso ist das mit diesem Film, immer mal wieder muß ich ihn ansehen und jedesmal ist hinterher irgendwas irgendwie anders als vorher. So geht es mir oft mit Geschichten, nein, natürlich nicht mit allen…nur mit den ganz wichtigen, die was mit mir zu tun haben;  ich wüsste nicht zu sagen, was sich zwischen vorher und nachher in meinem Leben verändert hätte, aber daß nichts mehr ist wie vorher, das scheint sicher.

Michael Althen, der wunderbare, leider so früh verstorbene Filmkritiker hat mal über ein „zweites Leben im Kino“ geschrieben, das „besser ist als unseres und ihm doch aufs Haar gleicht“…das Kino als doppelte Natur gibt Auskunft über das, was ist, und das, was möglich wäre…wer wir sind und wer wir gerne wären, und daß wir, wenn wir uns den Bildern überlassen , womöglich erkennen, woher wir kommen und wohin wir gehen…

Eine Nuance nur reicht, ein Windhauch, eine ganz zarte Gedankenspur, kaum merklich, kann den Weg freimachen in völlig neue Richtungen, die Tür zu anderen Welten öffnen, zu neuen Ufern, neuen Träumen, weiteren Geschichten…um letztendlich immer die gleiche, nämlich die eigene  auszuleuchten.

Ganz am Anfang des Films sieht man eine Zehe mit einem Smileypflaster, man hört das Entkorken einer Flasche und das Geräusch, das irgendein Getränk macht, wenn es in ein Glas geschüttet wird.

Dann holt einer sein Feuerzeug aus der Tasche, zündet sich eine Zigarette an und nimmt einen tiefen Zug… ich schmecke und rieche den verbrannten Tabak und als der Mann in Hut und hellem Sommeranzug vom Tresen weggeht, liebe ich ihn schon und bin bereit, ihm zu folgen durch die dunkle Bar hin zur Türe. Und dann geschieht dieses Wunder, der Klang der Gitarre (David Hidalgo), das gleißende Sonnenlicht, der Mann und ich, wir verschmelzen und werden zu einer Geschichte, die hier beginnt.

Viele Male musste ich den Film ansehen, um endlich zu erkennen, daß eigentlich alles schon in den ersten fünf Minuten erzählt wird und daß die Musik die Geschichte parallel dazu nochmal erzählt. Und ich lasse mich führen,  gehe den Weg mit, den Bobby Long durch eine runtergekommene Vorstadt von New Orleans entlanghumpelt, bis er an der Friedhofsmauer ankommt, wo er die leergetrunkene Flasche abstellt und wenn die Kamera auf die Trauergemeinde schwenkt und das grandiose Saxophon (Steve Berlin) einsetzt, ist klar, daß es kein Zurück mehr gibt aus dieser Geschichte, bis sie zu Ende erzählt ist.

Man hat diesem Film vorgeworfen, daß die Story zu simpel und vorhersehbar sei und, daß John Travolta viel zu wenig wie ein verwahrloster Säufer aussehen würde…ja, mag alles sein. Ich liebe diesen Film, genau so wie er ist und alle, die mitspielen, bezaubern mich immer wieder aufs Neue!

Ein ehemaliger Literaturprofessor und sein Schützling, den er dazu auserkoren hat, ein Buch über ihn zu schreiben, haben sich ins Haus einer verstorbenen Freundin geflüchtet und versuchen, sich durch große Mengen Alkohol soweit zu betäuben, daß sie die Verzweiflung über ein gescheitertes Leben nicht mehr spüren.

Da hinein gerät die Tochter der Freundin, die das Haus erbt.

Die junge Frau ist ihrerseits auch bereits eine gescheiterte Existenz, voller Zorn und Gram über eine verlorene Kindheit und tiefer Sehnsuch nach einer unerreichbaren Mutter.

Auf ihre Weise bewegen sich diese drei Menschen und ein paar Nebenfiguren durch ihr Schicksal und am Ende sind sie vom Meeresboden, auf den sie gesunken waren, wieder nach oben getaucht und sehen, jeder auf ganz eigene Art neuen Horizonten entgegen.

Was ist es, was mich so berührt an diesem Film… ich vermag es gar nicht so genau zu sagen, die Geschichte ist ein Märchen, in dem alle am Ertrinken sind und sich dann Kraft der Liebe retten…das allein ist es nicht, auch nicht mein Faible für gescheiterte Existenzen, für diese Lonly Wolves…

Nein, ich glaube, letztendlich ist es der Blues, der mich ergreift und durch diese Schwüle trägt, Bewegungen wie in Zeitlupe… ja es sind die Farben des Südens und der Blues.

Immer wieder dieser Blues, der alles einschließt, das Lachen und das Weinen, die Freude und den Schmerz, das Leben und das Sterben , dieses Hin und Herwiegen wie das Gras in einem lauen Sommerwind…das Sichhingeben an das Leben und das Sichtreibenlassen und dem Verstreichen der Zeit zuzusehen…

(Sehr schade, daß der wundervolle Soundtrack nur mehr für Wucherpreise erhältlich ist)
Das war einmal!
Inzwischen hat Herr Riffmaster, der nicht nur seines Zeichens Archivar von glücksbringenden Musikalien ist, sondern anscheinend auch diverse Zauberkünste beherrscht, genau diese Scheibe zu meiner großen Freude in seinem überirdischen Laden ausgestellt…würd mich ja nicht wundern, wenn er auch noch wilde Augen hätte!
Vielen Dank , lieber Meister!

Schade bleibt (vorerst) nur noch, daß ich leider leider niemand kenne, der/die mit mir „Alabama-Schuffle“ tanzen täte!

 

 

 

We shall not cease from exploration
And the end of all our exploring
Will be arrive where we startet
And know the place for the first time.
T.S. Eliot

„Gott kennt mich und ich kenne Gott“ (Bobby Long)

 

A Lovesong for Bobby Long
Regie: Shainee Gabel
2005

„Abschied von den Fröschen“

Mal wieder habe ich mir eine Nacht um die Ohren geschlagen, denn die Filme, die mir wirklich wichtig sind, die mir unter die Haut gehen, mir helfen, zu Sein  und mir den Blick erweitern und sich dadurch weiteste Weiten und Räume auftun, indem ich kleinste Parzellen erforschen darf und Reisen in die Große Unendlichkeit draussen im Weltall und im Inneren Wassertropfen meiner Seele, diese Filme können anscheinend nur dieser Handvoll Verrückter, die in größtmöglicher Einsamkeit nächtens vor den Fernsehern kauern, zugemutet werden!

Seitdem ich  heut Nacht aus dem Film: „Abschied von den Fröschen“ von Ulrich Schamoni wieder auftauchte, bin ich von tiefem Dank erfüllt für dieses Erlebnis. Ein großer Regisseur, dieser Ulrich Schamoni. Er hat sich gefilmt, sich und sein Leben, bis zum Schluß. Der Film handelt von einer Zeitspanne von ungefähr eineinhalb Jahren bis ein paar Tage vor seinem Tod und spielt im Haus, aber vor allem im Garten seines Hauses im Grunewald. Und es sind wohl an die 170 Stunden Filmmaterial geworden, die nach seinem Tod 1998 von seiner Tochter zu Spielfilmlänge geschnitten wurden. Anscheinend lief der Film 2012 in den Kinos, da habe ich ihn leider verpasst, bin aber froh und dankbar, daß ich ihn nun auf 3Sat sehen konnte.

Ja, selbstverständlich ist dieser Film eine Geschichte der Vergänglichkeit, einer geht durch sein Reich, zeigt Bilder aus dem Mikrokosmos seines Gartens, zeigt das Leben in seiner Fülle und wie es sich lebt und wieder vergeht und erzählt aus dem eigenen aktuellen Menschenleben, wie er mit seiner Krankheit umgeht und was er gerade so denkt und erforscht und was ihn brennend interessiert. Ein Dokument über vergehende Zeit.

Das, was mich bis in die Grundfesten berührt, ist die Art und Weise, wie er durch sein Leben geht, wie er es filmt. Ohne jegliches Pathos nämlich, ohne Sentimentalität, mit diesem überwältigendem Humor, der ja nur dort wahrhaftig gedeihen kann, wo auch der Tod daneben sitzt und auch zu schmunzeln beginnt, ja, dieser Humor…den kenne ich, den hatte meine Mutter auch bis zuletzt.

Das Erschütternste und Wunderbarste, das, was weinen läßt und glücklich macht, das ist diese große Liebe, die aus den glänzenden, staunenden Kinderaugen dieses totkranken Gesichts von Ulrich Schamoni herausstrahlt…ein inneres Leuchten, eine Liebe zu allem, einfach zu allem, was ist. Haben Sie Dank, sehr verehrter Ulrich Schamoni für diesen liebenden Blick, er ist angekommen und in mein Herz geflossen. Mögen die Engel Sie auf Händen tragen für immer und alle Zeit.

Der Film „Abschied von den Fröschen“ ist in der Mediathek von 3Sat noch für ein paar Tage zu sehen.

 

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„Komm Schatz, wir stellen die Medien um…“

Leider bedeutet ein Ausstellungsbesuch in der Kunsthalle Krems mindestens fünf Std. Autositzen, die derzeitige Ausstellung täte ich mir gerne öfters – am besten unendlich oft – anschauen: Pipilotti Rist – „Komm Schatz, wir stellen die Medien um & fangen nochmals von vorne an.“ Ausstellung läuft noch bis 28.06.2015.

Unbeschreiblich zauberhafte Videoarbeiten, die so außergewöhnlich sinnliche Wahrnehmungen auslösen, daß sich das Denken und die Versuche, herauszufinden, was das jetzt alles bedeuten könnte, ganz von allein einfach so abstellen, das Bewusstsein darüber, was innen und was aussen ist, verschwimmt. Unmöglich, zu beschreiben, wie genau es passiert, ich hatte jedenfalls das Gefühl von unendlichen Weiten, die sich in mir auftaten, ausgebreitet im Universum in ungeahnten Dimensionen und gleichzeitig doch alles hier und jetzt und in radikaler Verweigerung jeglicher Idylle.

Die Ausstellung ist so groß, kaum zum Erschauen, ganz sicher muß ich da nochmal hin!

Hiermit möcht ich auch nochmal einen besonderen Dank ins Waldviertel schicken, denn durch den Hinweis von Ingrid: http://waldviertelleben.blogspot.de/ hab ich überhaupt erst von dieser beglückenden Ausstellung erfahren!

Heimat?

Der weise alte George Tabori hat mal gesagt: „Das, worauf es ankommt, ist die Authentizität der Gefühle“.

Es hat mich wohl deshalb gestern nochmal in mein Lieblingskino in Trostberg gezogen, wo ich mir zum dritten Mal den „Mittsommernachtstango“ angesehen habe, und wenn er noch länger laufen würde, dann sähe ich ihn wohl noch zehn Mal. Die ProtagonistInnen tun das, was sie tun, weil sie das sind, was sie tun, und ich glaube es ihnen. Der Film läuft auf eine Schlußszene hin, alle Musiker versammeln sich am See, und in das Licht der untergehenden Sonne singt der junggebliebene Reijo Taipale sein „Satumaa“ und alle begleiten ihn dabei. Das ist so rührend schön und hat so gar nichts von Kitsch, denn das melancholische Lied handelt von diesem Märchenland, nach dem wir uns alle sehnen, eine Art Heimat, die nur im Taum existiert und nur in Gedanken können wir hinfliegen. Reijo Taipale sagt, er hätte dieses Märchenland sicher schon 8000 Mal besungen, aber leider habe er es auch noch nicht gefunden bis jetzt. Angeblich hat die Tradition des Tangotanzens begonnen, als Teile der finnischen Heimat unter russischer Besatzung standen und es den Menschen wohl so schlecht ging, daß sie sich mit dieser Musik in eine andere Heimat träumten, um zu überleben.

Beim Heimfahren durch die stockfinstere Nacht, die Melancholie dieser Musik in den Ohren, ein Gefühl zwischen Weinen und Lachen, eine schwebende Leichtigkeit, die aber schmerzt in ihrer großen Sehnsucht nach…ja nach was eigentlich?

Wenn es stimmt, was ich lange schon vermute, daß uns in den Geschichten nicht wirklich das anzieht, was andere erleben, sondern das, was wir dabei über uns selbst erfahren…ja dann hat dieser Tango mit einem Schmerz in meiner Seele zu tun. Ich fahre durch die oberbayrische Hügellandschaft, bin weder Finnin noch Argentinierin, hier ist meine Heimat, oder wohin sollte ich sonst gehören? Warum spüre ich davon so wenig, warum bin ich eigentlich so wenig „beheimatet“?

Mit diesen Gedanken gleite ich immer tiefer in die Nacht, die Strassen werden immer schmaler und holpriger, ich weiß nicht mehr wo ich bin, habe mich total verfahren und stehe plötzlich vor einer kleinen Kirche, die ich bei Tageslicht lang nicht gefunden habe, so versteckt liegt sie zwischen Hügeln verborgen. Jetzt steht sie vor mir: St. Margareta, deren Spur ich schon lange verfolge, da sie einen Wurm bei sich hat, einen Drachen, von dem man sagt, er sei älter als die Welt.

Den Tango im Ohr bin ich jetzt an diesem Drachenort gelandet…was das wohl bedeutet?

 

Ein Mönch in Marseille…

Bei Wachsamkeit kann man manchmal auf geheimnisvollen Wegen Hinweise bekommen wie der Weg weitergehen könnte zum Umgang mit schier unlösbaren Rätseln. Heute Nacht war ich wach und sah staunend den Film „Ein Mönch in Marseille“ (kann auf ARTE noch bis 23.03. angesehen werden) – ein buddhistischer Mönch schreitet langsamen Schrittes durch das lebendige Menschengewimmel der Stadt Marseille. Er nimmt mit keinem Menschen Kontakt auf, das Miteinander besteht aus dem gemeinsamen Atmen der gleichen Luft…

Kaum erträgliches Zerdehnen der Zeit führt in absolute Auflösung der Zeit und dann zu der Frage: „Was ist, wenn nichts mehr ist?“ – eine meiner Lebensaufgaben.

Sensible Gemüter seien gewarnt, denn wenn man sich einläßt auf diesen Film, kann man eine Art von Leere erfahren, deren begleitende Angst erst mal durchschritten werden muß, erst dann könnten Begrenzungen wegfallen. Eine Reise ins Nichts inmitten einer Welt von Allem.

Ich bin in die Nacht hinaus geflüchtet, habe mich im Vollmondlicht gebadet und mir lange von stacheligen Fingern der freistehenden Fichte den wirren Kopf massieren lassen.

„Wie einen Stern, eine Luftspiegelung, eine Butterlampe,

wie Illusion, Tautropfen, Luftblasen im Wasser,

wie einen Traum, einen Blitz, eine Wolke,

so sieh alles an was zusammengesetzt ist“

Tsai Ming-Liang

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Zeit

„Zimmer 202“ – ein Film von Eric Bergkraut (Musik Sophie Hunger!), ein leiser, poetischer Film, handelt davon, daß Peter Bichsel, der große, leise Poet aus der Schweiz in Paris ankommt, auf dem Bett sitzt und aus dem Fenster schaut. Auf die Frage, was er denn jetzt alles unternehmen möchte, sagt er nur, jetzt sei er nun mal da. Er geht im Haus herum und ein wenig um das Hotel, in dem wohnt, am Gare de l´Est, bleibt stehen, schaut, steht am Fenster, schaut, öffnet das Fenster, schaut hinaus. Er hat Zeit, er sagt, er hoffe, daß die ihm verbleibende Lebenszeit lang-weilig wird, er möchte sie auf keinen Fall kurz-weilig verbringen. Am Ende des Films steht er auf und fährt mit der Metro in den Jardin de Luxembourg und sucht das Karusell aus dem Gedicht von Rilke…

„Mit einem Dach und einem Schatten dreht

sich eine kleine Weile der Bestand

von bunten Pferden, alle aus dem Land,

das lange zögert, eh es untergeht…“

Er bleibt lange vor dem Pferdchen stehen… ein Film über das Schauen.

 

Die Zeit läßt sich nicht nutzen, nur verschenken, an die Welt.

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