Kategorie-Archiv: Kreuzweg

I see a darkness …

Es war absolut nichts Besonderes, der abscheuliche Tod des jungen Rabbi . Viele tausend Menschen wurden vor ihm und nach ihm ans Kreuz genagelt, da brauchte es nicht viel und schon gar nicht mußte man behaupten, Gottes Sohn zu sein. Die Machthaber durften tun, was sie wollten, ein Menschenleben war nicht viel wert, noch nie, auch heute nicht. Überall auf der Welt wurden und werden Menschen abgeschlachtet wie das Vieh und der Tod war auch ein Meister aus Deutschland, weil auch hier irgendwann irgendwer entschieden hatte, daß eine ixbeliebige Sorte Mensch ausgerottet gehört und eine Masse dazu gejubelt hat.

Im Namen von Jesus wurden Kreuzzüge veranstaltet und Millionen Menschen umgebracht, verbrannt, zu Tode gequält. Seine Existenz gilt als relativ gesichert, ob sich die Geschichte so zugetragen hat, wie dieser menschenverachtende, kirchliche Machtapparat behauptet, … daran zweifle ich sehr. Ich fühle mich auch heute noch ausgegrenzt und mißachtet, warum ich immer noch nicht ausgetreten bin, ist mir ein Rätsel … vielleicht hat es mit der Alternative zu tun.

Die Geschichte dieses jungen Wanderpredigers, der ganz sicher nie ein Religionsstifter sein wollte und schon gar nicht Gründer einer Amtskirche, und ob er nun der Messias war, das ist eine andere Geschichte und muß ein anderes Mal erzählt werden; aber er hat ein paar Worte hinterlassen, die die Welt aus den Angeln heben und sie zu einem Paradies machen könnten. Eine ganz schlichte Aufforderung und wie jede echte Magie einfachst in der Anwendung und jederzeit und überall zu praktizieren:

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ … und es kommt nicht von ungefähr, daß man beim Quellenstudium auf viele Frauen trifft, die ihn sicher manches gelehrt und begleitet .

Als er am Kreuz dem Tod entgegendämmerte soll er gesagt haben: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Und wenn es stimmt, daß er mit letzter Kraft „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ hinausweinte … dann hat er wohl doch auch bis zuletzt auf das Wunder gewartet, daß ein Vater da sein möge, der ihn rettet. Er war wohl einer von uns, die wir doch alle bangen, daß dieser Kelch des Sterbens an uns vorüberginge.

Ja, wir wissen, daß es eine Dunkelheit gibt, in der kein Trost mehr ist und die Hoffnung brüchig , was die mögliche Auferstehung anbelangt. Und doch tragen wir unsere Rettung im Herzen ohne zu begreifen

die Liebe

Mitten ins Herz

Der Film „Lucky“ ist mir unter die Haut mitten ins Herz gegangen. Schier unbeschreiblich,  Handlung gibt es kaum, passieren tut nichts, eigentlich wirkt alles wie eine Momentaufnahme des Lebens in einem kleinen Nest irgendwo in Amerika. Die Straßen sind staubig, die Sonne scheint grell und ein alter Mann geht durchs Bild, wie durch die Kulissen einer Westernstadt.Er hat seine Verrichtungen, hat feste Regeln und Zeiten, wo er seinen Kaffee trinkt und Kreuzworträtsel löst, alles läuft nach Plan, er geht nachhause, um bestimmte Shows im Fernsehen anzuschauen und am Abend sitzt er in einer Bar und trinkt Tomatensaft und unterhält sich mit den immer gleichen Leuten.

Harry Dean Stanton(91) spielt seine letzte Rolle in diesem großen kleinen Film, einen 91 jährigen, kauzigen Eigenbrötler und er spielt in einer vollkommen unsentimentalen Wahrhaftigkeit, die kaum auszuhalten ist. Die Kamera geht erschreckend nahe an ihn heran, man sieht jede Falte an diesem alten, dürren Klappergestell von einem Körper und man sieht diesen schönen sinnlichen Mund, einen Schopf brauner, ungebändigter Haare und Augen …diese Augen, dunkel und so tief wie das Weltall und ich denke, daß ich diese Tiefe bis jetzt nur bei denen gesehen habe, die von weit her kommen und gerade geboren werden oder bei denen, die sich bald auf die Reise hinaus machen. Später erfahre ich, daß Harry Dean Stanton kurze Zeit nach dem Fertigstellen des Films plötzlich gestorben ist …

Irgendwann merkt Lucky, daß auch er sterblich sein wird, daran hatte er bisher noch nicht gedacht. Und er sagt zu jemandem: wenn Du mir versprichst, daß Du es nicht weitererzählst … ich hab eine Scheißangst!  Und irgendwann sieht er diese Frau an und in ein paar Sekunden spielt sich zwischen ihnen eine Liebesgeschichte, für die andere ein Leben brauchen und dann singt er dieses Lied …

Schön ist das, nach dem Kino 35 km durch die Nacht zu fahren, über Land, auf kleinen leeren Straßen, achtzugeben auf die Krötenwanderungen, den Mond über den Bergen zu sehen und an diesen schönen alten Mann zu denken, der mit einem Lächeln einfach weitermachte egal, wie lang es noch dauern sollte.

Wir haben alle mal Angst, nicht wahr, eine Scheißangst sogar. Auch in dieser Geschichte damals, im Garten Gethsemane , da war einer mitten unter seinen Freunden und er wusste, er würde bald sterben, aber die Freunde schliefen. Dann hat er Blut geschwitzt vor Angst.

Er sprach nicht nur davon, er war ein Liebender, das verbindet mich mit ihm.

Mein Vater, der Tod und Jesus in der Stube

Oft vermisse ich die langen Gespräche „über Gott und die Welt“, die früher einfach dazugehörten zum Leben, vor allem hier in der Stube des alten Hauses. Erscheint es mir nur so, oder interessiert sich niemand mehr für diese Fragen um Leben und Tod und warum wir denn hier sind auf dieser Erde und was denn vor uns war? Oder hat einfach niemand Zeit, oder hat bereits jeder das Gesuchte schon gefunden? Manchmal befürchte ich, so ziemlich alleine übriggeblieben zu sein mit meinen zweifelnden Fragen mitten hinein in die großen spirituellen Geheimnisse, religionsverweigernd und gottsuchend gleichermaßen. Eine Agnostikerin auf meine spezielle Art, nichts glaubend, alles für möglich haltend, hungrig …

Oft saßen mehrere um den Stubentisch, und ganz egal, womit das Gespräch begonnen hatte, Politik oder mittelalterliche Kunst, irgendwann landete es beim Ärger meines Vaters über die Kirche, die ihm verlogen erschien, weil sie von ihm einen Glauben verlangte an Dinge, die sie selbst nicht beweisen konnte. Und dann war man beim Lieblingsbuch meines Vaters: „Jesus in schlechter Gesellschaft“ vom hochverehrten Adolf Holl, der deshalb aus dem Kirchendienst als Priester entfernt wurde.

Wie ich sie liebte, diese hitzigen Gespräche in langen Nächten über Bibelstellen und Texte aus den verbotenen Büchern der Apokryphen, und darüber, was denn Jesus in den 33 Jahren so machte, darüber stand ja nichts geschrieben … die Frauen um Jesus, ein Lieblingsthema von Pfarrer Hermann, das unterbrochen wurde von seiner bildhübschen runden Köchin, die dann sagte: komm jetzt Hermann, wir müssen ins Bett, Du hast morgen Frühmesse …

Einmal hat sich mein Vater von seinem Freund Leopold , den er wegen seiner angeblich „ewigen Polemisiererei“ nicht mochte, aber dennoch an ihm hing, um 22 Uhr verabschiedet. Um drei Uhr morgens standen sie immer noch mitten in der total verqualmten Stube, in ein Streitgespräch über die Frage, ob Jesus nun Gottes Sohn war oder nicht so heftig verwickelt, daß sie sich weder hinsetzen noch auseinandergehen konnten …

Meistens kam am Ende dieser langen Abende auch die Sprache auf das Sterben und manch eine große Angst wurde mit Bier hinuntergespült und wir waren alle froh, uns zu haben und beisammen sitzen zu können. Jetzt sind die Freunde von damals tot. Als ich meinen Vater im Krankenhaus besuchte, ein paar Tage bevor er sich auf die Große Reise machte, da erzählte er mir von einem Traum … der Boandlkramer (Tod) sei ihm erschienen und habe ihn sehr freundlich angesehen, gar nichts Bedrohliches sei von ihm ausgegangen. Nein, er habe nichts gesagt, nur freundlich gelächelt. „Wir müssen irgendwo dieses Ölgemälde haben, da steht ein Bergsteiger im Gebirge und der Tod hält das Seil und es ist, als tät er ihn beschützen und er schaut genauso aus wie in meinem Traum … ich weiß nicht mehr, ob ich es selbst gemalt habe oder der Max (sein Bruder), brings mir doch mit , wenn Du wiederkommst!“ Ja, und ich habe das ganze Haus abgesucht, in jeden Schrank mehrmals hineingesehen, alles umgedreht, nichts. Ich konnte dieses Bild nicht finden.

Und dann ist mein Vater gestorben.

Ein paar Wochen später öffne ich eine Schranktür und es liegt einfach so da.

 

Ein Mädchen

Ein übertrieben hitziger Sonnenstrahl fällt vom Himmel und mit ihm ein Schwarm Krähen. Schimmerndes Gefieder in gleißendem Licht stakst über die Wiese, pickt hier und da , macht Gezeter, wirft sich wie auf Befehl in die Luft und fliegt als geschlossener dunkler Haufen wieder weg.

Die stille Woche … die Prophezeihung erfordert den Ritt auf einer Eselin hinein nach Jerusalem, ein kleiner, zarter junger Mann, Wanderrabbi mit aufrührerischem Geist, nicht den Pharisäern und schon gar nicht den schrecklichen römischen Unterdrückern gefügig, gerade ließ der Stadthalter tausende junger Männer ans Kreuz schlagen, einfach so aus Launen heraus, Er muß eswissen, was Ihm bevorsteht. Sie wollen, daß einer kommt und sie rettet aus der unglaublichen Not dieser Okkubation, sie wollen die Zeichen so deuten, daß sie auf Ihn als den Messias hinweisen. Irgendwann gibt er nach .

Die Suche nach Antworten führt mich immer tiefer hinein in die vielen Fragen meiner unzweifelhaft christlichen Prägung und je mehr ich mich durch das Dunkel der Jahrtausende bewege, umso mehr neue Fragen tun sich auf. Diese Geschichte von einem Menschen, der sein Kreuz schleppt zur Hinrichtungsstätte, blutend vor Angst und Qual und Einsamkeit und dann die Auferstehung … den Tod oder das Leiden besiegt, abgestreift, ad absurdum geführt? Er hat was mit mir zu tun, dieser Kreuzweg, etwas berührt mich in tiefster Seele, mich als Mensch, mich als Frau.

Frauen standen diesem Rabbi nahe, haben ihn unterstützt und ihn genährt und versorgt, nicht nur mit Essen, haben ihn begleitet bis zum Grab und darüber hinaus. Selbstbewußte, rebellische Frauen, ihre Spuren sorgfältig ausgelöscht … über eine von ihnen wurde gerade wieder ein Film gedreht: Maria Magdalena … ich rufe ins Dunkel der Zeit ihren Namen, aber wer sollte antworten … alles so lange vergangen, verhallt, welche Wahrheiten gibt es überhaupt, vielleicht ist alles nur erfunden als Opium für´s Volk … und es ist mir doch, als würde sich jemand neben mich setzen und meine Hand berühren …

Und dann schauen mir Augen entgegen aus einer virtuellen Welt, ein Gesicht auf einem Foto aus dem KZ, herausgeholt aus den Millionen von toten Menschen, nachkolloriert von einer jungen brasilianischen Fotografin, die mir erlaubte, es hier zu verwenden. Welch seltsame Fügungen es gibt, auf meiner Suche nach den Frauen in der Jesusgeschichte schiebt sich dieses Bild für immer in mein Herz, dieses kleine Mädchen, die Lippen verkrustet von den Schlägen einer KZ Aufseherin, fotografiert von einem, der dadurch überlebt hat. Wer hat dieses Mädchen begleitet, als es seinen Kreuzweg gehen musste?

Warum tun Menschen das?

Weil sie es können.

 

 

 

Ihr Name: Czeslawa Kwoka
drei Monate nach dieser Aufnahme wurde sie ermordet
sie war 14 Jahre alt

 

Thank you, Marina Amaral and warm regards to you.

 

 

Sechs Millionen

Dies ist die Dokumentation eines Scheiterns.

Vor zehn Jahren war ich mit zwei befreundeten Frauen im jüdischen Museum in Berlin . Die Zahl: “ 6 Millionen“ hat eine Hilflosigkeit und Ohnmacht ausgelöst und führte zum Versuch, ein Kunstprojekt zu beginnen. Wir wollten Striche machen, einen für jedes Menschenleben und einen eigenen Raum dafür schaffen, zum Gedächtnis oder einfach, um irgendetwas tun zu können, wofür Worte nicht ausreichen. Wie kann man sich so eine Zahl vorstellen? Wie soll man sich überhaupt dieser Zahl stellen?

Wir haben begonnen, Striche zu machen.

Ich bin schon nach 4000 Strichen ausgestiegen, die Vorstellung, mit einem Strich ein gesamtes Menschenleben wegzustreichen…immer vier gebündelt und den fünften quer…mein Bleistift wurde immer schwerer und meine Gedanken dazu, vor Entsetzen geschüttelt , gab ich auf…meine Blätter habe ich so verräumt, daß ich sie nicht mehr finden kann.

Die zweite von uns „schaffte“ 140.000 . Dann war sie physisch und psychisch so am Ende ihrer Kräfte, daß sie nicht mehr konnte…gelähmt vor Entsetzen über die Unbegreiflichkeit dieser Zahl und der Tötungsmaschine gab auch sie auf…die Blätter hat auch sie so sehr versteckt, daß sie nicht mehr auffindbar sind.

Die dritte von uns machte Striche in jeder freien Minute, einen Monat  lang, voller Schuldgefühle bis heute und Scham darüber, nicht wenigstens eine Million zu schaffen, brach auch sie zusammen. Ihre Blätter hatte sie so verwahrt, daß sie heute gezeigt werden können. Ein merkwürdiges Dokument, ihre Hand formte wie von selber Figuren und Gesichter während sie Striche machte…nach 160.000 konnte sie keinen einzigen Strich mehr machen. Es war vorbei.

Wir haben zehn Jahre kaum darüber gesprochen, es scheint bis heute keine adäquaten Worte dafür zu geben. Wir können es bis heute nicht fassen, warum es nicht möglich war, diese Striche zu machen und einen begehbaren Kunstraum zu schaffen, um diese Zahl der vergeudeten Leben sichtbar…erlebbar zu machen, ich halte diese Idee weiterhin für gut, und ich schäme mich vor den Ermordeten, daß wir aufgegeben haben. Nicht die gute Absicht hat nachgelassen und auch nicht die künstlerische Herausforderung hätte uns abhalten können…

Nein

sondern wir hatten es mit einer Kraft zu tun , die den innersten Kern zersetzt.

Wir sind am Grauen gescheitert.

 

 

 














 

Ich verbeuge mich in tiefer Ehrfurcht vor Euch, denen das Leben genommen wurde.

Karwoche…Josef Z.

„Werdet Vorübergehende“ (Apokryphen)

Wenn ich an „Passion “ denke, fällt mir nicht nur die Leidensgeschichte  von Jesus ein. Ich denke an einen, der auch eine Passion hatte und der früher oft in unserem Haus ein- und ausging. Josef Z. war eine Art Hausfreund meiner Eltern und Limonadenfabrikant. Er fuhr mit einem kleinen Lastwagen herum und verkaufte seine  „Kracherl“, das waren diese wunderbaren, klebrigen Limonaden in der Bügelflasche, in überwältigendem Rot der Himbeeren und in einem grandiosen Grün für Waldmeister. So gut wie diese Kracherl hat niemehr in meinem Leben irgendwas Trinkbares geschmeckt! Wir konnten nicht genug kriegen davon. Da wir aber nie Geld hatten, nehme ich an, daß der Josef einfach manchmal ein Tragerl mitbrachte, wenn er auf seiner Fahrt bei uns vorbeikam.

Er fühlte sich zum Sänger berufen und fuhr einmal wöchentlich nach Salzburg zum Gesangsuntericht. Davor oder danach kreuzte er bei uns auf, sagte: “ Küss die Hand, schöne Frau“,  und sah mich mit eigenartig saugenden, samtigen Augen lange, zu lange an. Das war mir nie so ganz geheuer mit 12, 13 Jahren und auch seine Aussprache war irritierend, denn er machte so sonderbare Zischlaute beim Sprechen, irgendwie kam er mit Luftein- und Ausstoß nicht ganz zurecht und die Worte drohten mit Sprühregen mir ins Gesicht zu platschen.

Also, ich mochte seine Kracherl bedeutend lieber als seine Aussprache und seine etwas zu nahe Anwesenheit.

Manchmal, wenn er einen guten Tag hatte, sprang er plötzlich in die Mitte der Stube und schmetterte ein Schubertlied. Wenn der Josef weg war, hatte mein Vater große Bedenken, ob aus diesem „Krawatteltenor“ mit seiner Knödelstimme wirklich mal was würde. Jahrelang ist er nach Salzburg gefahren und immer stand „der große Durchbruch“ bevor und die wirklich wichtigen Kontakte für Auftritte waren angebahnt und immer, treu und ergeben, machte er Station bei uns, um den neuen Stand der Karriere bekannt zu machen.

Nie war er verdrossen oder schlecht gelaunt, nie hat er sich beklagt, denn nie gab es Auftritte, nie gab es Applaus, nie gab es den Durchbruch. Aber immer hatte er seine Passion, an die er mit Inbrunst glaubte.

Seine Frau war längst abgehauen mit den Kindern, die Fabrikation war eingegangen, von was er lebte, wusste niemand, aber er fuhr weiterhin nach Salzburg und sah sich auf den großen Bühnen der Welt.

Viele Jahre später fanden wir ihn in erneut dienender Mission, aber nicht mehr der Sangeskunst, sondern seinem Bruder, einem bigotten, in fragwürdige katholische Bruderschaft entglittenen pensionierten Pfarrer in dessen ebenso fragwürdiger Einrichtung um eine Hl. Philomena herum, die in Wachs gegossen, in jungfräulicher Schönheit in der Mitte einer Kapelle auf Kissen ruhte.

Auf dem Dach der Kapelle eine, von einem versteckten Motor angetriebene rotierende Marienfigur.

Josef, inzwischen um die achtzig, begrüßte uns herzlich, zischelte mir sofort ein : „Küss die Hand, schöne Frau“ entgegen, nahm meine Hand und ließ mich das Kästchen seines Herzschrittmachers spüren, erzählte die viel zu lange und arg frömmelnde Schnulze einer Erweckung durch diese Heilige und beim Abschied rief er mir noch nach, daß er bald einen sehr wichtigen Auftritt habe, auf den käme es an und dann ginge es so richtig los mit der Karriere als Sänger.

Ach Josef, ich bin froh um jeden Spinner und Träumer in dieser gnadenlosen Wirklichkeit, hab Dank für Deine Geschichten und : „Küß die Hand!“

Damals im Altvatergebirge

Mindestens ein Jahr lang war ich auf der Suche nach dem Film:  „Alois Nebel“, einer Graphic Novel. Der Tailer allein hatte mich sofort in diese Geschichte eingesaugt, es gab kein Entkommen mehr.

Das einzige Kino in München, das ihn zeigte, nahm ihn sofort wieder aus dem Programm, nachdem nur ein einziger Mensch ihn sich ansah.

Ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, da veranstaltete das Literaturhaus Salzburg ein deutsch-tschechisches Kulturfestival und endlich wurde der Film gezeigt und hinterließ nachhaltige Spuren und bis heute habe ich Bilder und Musik im Kopf.

Ich halte diesen Film für herausragend in jeder Beziehung, möchte aber kein Wort mehr darüber verlieren, denn Bludgeon, dem „Alois Nebel“ auch unter die Haut ging, hat dazu was erarbeitet.

Einen Text, der so dicht ist und schmerzend wahrhaftig – ach einfach so gut geschrieben, mit großem Wissen und aus dem Herzen, kann ihn nur empfehlen:

Bludgeon – Alois Nebel

Ja, in diesem Film geistert auch meine Mutter irgendwo durch den dunklen Wald. Bis heute weiß ich nicht, von welchem Ort genau sie „vertrieben“ wurde…war sie gerade in Karlsbad, oder wo wurde sie gepackt und in einen Viehwaggon gesteckt? Ich werde es wohl nie mehr erfahren, sie ist schon so lange tot.

Was ich aber mit erschreckender Klarheit weiß: Ich wäre ohne die Verteibung meiner Mutter nicht am Leben. Was für merkwürdige Fügung.

 

die Band, untrennbar mit dem Film verbunden

Niemandsland

Fischezeit – Auflösung ins Chaos

„Man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können“ – lese ich bei Nietzsche

Die Zeit meiner schillernden, Verwirrung stiftenden, chaotischen und hypersensiblen Aszendenten, der nach außen gerichtete Teil meiner Natur, zwei Fische, einer schaut nach vorne, einer nach hinten, beide in der Mitte von einem Band aneinander gehalten.

Auftauchen aus digitaler Fastenzeitpause ins Niemandsland.

Vor genau einer Woche, nach genau einem Tropfen Blut zur falschen Zeit an falschem Ort, setzt sich eine analoge Maschine in Bewegung und führt zu Untersuchungsprozeduren, kleinerer Narkose und kleineren Schnitten durch viele Stunden in Wartezimmern einem Anruf am Morgen und einem Befund, der die Welt in ihr Gegenteil verkehrt: Positiv…das heißt: negativ für mich. Das Urteil also, ja das Urteil, das mit K beginnt…hat es sich schon auf meiner Stirn eingebrannt, sieht man es mir schon an…kann nichts erkennen im Rückspiegel, in den ich beim Heimfahren ständig starre…werden alle jetzt sagen: „Ach ja, Du siehst schon seit längerem so blaß aus…“?

Im vorläufigen Diagnosepapier wird darüber befunden, daß nach mikroskopischer Ansicht eines Blutstropfens von mir die vorläufige Beurteilung den Namen „G1“ zu tragen hat. Es wird mir gesagt, daß nach größerer Narkose und tieferen Schnitten, natürlich nur, wenn „nichts mehr hinzukommt“, und „alles entfernt“ ist, mit Heilung gerechnet werden könne. Wenn alles gutgeht, in einer Woche, OP – Termin am 10. März ist auch schon gemacht. Aha.

Und jetzt? Eine Woche warten auf die Schlachtbank, wo ich ausgeweidet werde? Ist das zynisch…sarkastisch? Wie damit umgehen? Verschweigen? Still sein und verschwinden, Absturz ins Bodenlose? Ja, selbstverständlich kriecht mir die Verzweiflung den Nacken hoch und ich schwanke unter diesem Schlag, der ja gar nicht wehtat, ein paar lächerliche Buchstaben auf einem Laborzettel…mit dem Hammer werde ich in meinem Leben in die dunkelste Ecke gestossen: mein Abscheu vor Krankheit und Tod und die große Angst, nicht mehr selbst bestimmen zu können und schlagartig wird mir bewusst, daß ich lernen werde, anzunehmen, was kommt und irgendwann mich hinzugeben, ja, auch dem Sterben. Ich weiß jetzt, daß ich sterblich bin.

Die Passion, sie hat was mit mir zu tun, das weiß ich schon lange, langsam verdichtet sich Nebulöses und ich glaube, auch diese Erkrankung wird dazu beitragen, als eine mögliche Spur zur Wahrheit zu führen, wenn ich sie lasse. Ich bin jedenfalls nicht bereit, auch nur grad eine einzige Zelle meines Seins als bösartig zu erachten, ich bin bereit, das, was nicht mehr bleiben soll, in Würde und Achtung gehen zu lassen und danach weiterzuleben, solange ich darf.

Ich lese „Die Antwort der Engel“ endlich, nach Jahrzehnten ganz zu Ende, dieses Buch ist eine eigene Geschichte, vielleicht werde ich auch darüber mal berichten, vorerst entnehme ich ihm die Anweisungen: „Streiche das Wort Warum! und: „Empfange das Leiden als einen Boten des Himmels, doch laß ihn weiterziehen, wenn er scheiden will! und: „Horchst du, so werden selbst die Steine sprechen!“ Ja.

Bei einem, dem ich sehr gewogen bin (@lz. „der versteckte Poet“) habe ich mir das Wort „Zäsur“ ausgeliehen und denke viel darüber nach.

Und – ich beende hiermit meine digitale Abstinenz, war sehr lehrreich, kann ich weiterempfehlen, wer wissen will, was passiert, soll einfach mal eine Zeitlang den Rechner ausmachen. Auch wenn alles verschwindet im schwarzen Bildschirm: Herznähe ist davon völlig unabhängig und dringt durch alle Fremdheit, Entfernung und digitalen Spielraum hindurch und ist analog spürbar. Das war und ist eine beglückende Erfahrung.

Ich hätte gern noch die Fastenzeit digitalabstinent zu Ende gebracht, aber jetzt ist eine neue Herausforderung angesagt und ich habe beschlossen, sie auch hier, zwischen Himmel und Erde anzunehmen und mich ihr offensiv zu stellen. Werde zwischendurch, je nach Stand der Behandlungen verschwinden und wieder auftauchen, denn ich liebe diesen Ort und ich freue mich so, wieder hier zu sein und mich mitteilen zu dürfen.

Kurz vorm Wegdämmern in die  Narkose am Montag ging mir durch den Kopf, was ich in meinem Leben unbedingt „noch“ machen möchte, und da war u.a. das Tangotanzen dabei und da fiel mir doch tatsächlich ein, ob wohl Frau Knobloch noch weiß, daß sie mich auf ihrer Tanzkarte eingetragen hat…und wenn ich sie mal im grandiosen Blumentempel besuchen täte…sie mit mir…tangotanzend…?

Beim Aufwachen lächelte die OP-Schwester…ich hätte wohl was von Knoblauchtango gemurmelt…ach, die Unwissende!

„Wer weiß, wer weiß“, diese Zauberworte leihe ich mir von der zauberhaften Cambra Skadé.

Seid gegrüßt Ihr Lieben alle in den nahen und fernen Galaxien, ich bin wieder da, ziemlich zerzaust, ein wenig verheult, nicht angstfrei, aber mit klarem blauen Blick, trotz Erdenschwere tanzbereit und dennoch – und trotzalledem durchaus bereit zum Fliegen!

Eure Graugans

Stein auf Stein

Nachricht, nur so nebenbei, am Rande des Zeitgeschehens: Eine Frau, etwa zwanzig Jahre alt, wird gesteinigt. Ein paar junge, dafür abgerichtete  Männer,  stecken die Frau in eine Grube und werfen so lang Steine auf sie, bis sie tot ist. Dies alles sogar mit Film fürs Netz. Wieviel Steine erträgt so ein Kopf, bis er kaputt ist?  Die Mörder haben ganz unbeteiligte Gesichter, heißt es.

Was tun die jungen Männer dann, nachdem sie geprüft haben, ob auch wirklich kein Leben mehr durch das blutende Fleisch zuckt? Gehn sie dann heim an den Küchentisch, wo die Mutter mit dem Essen wartet? Oder stehn sie noch ein wenig herum und reden darüber, daß die heut kaum tot zu kriegen war oder, daß einer von ihnen einen sauguten Treffer landete?

Gehn sie heim , wo ihnen die Kinder entgegenlaufen und die Frau sagt: „Na, wie war dein Tag?“

 

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