Kategorie-Archiv: Sternentanz

my fickle friend, the summerwind …

 

 

 

In ihrem erdfarbenen Kleid sitzt sie auf einem Stein  und schaut über das Land. Viel Arbeit wartet auf sie, Löwe hat seine ungebändigte Lust am Leben ausgeschüttet, wie immer ohne Maß und Ziel und ohne einen Gedanken darauf zu verschwenden, was mit dieser Fülle geschehen soll. Die Früchte des heissen Sommers hängen schwer und üppig an den  überladenen Ästen, mehr und mehr fällt das überreife Zuviel an Allem zu Boden … ein leichter Geruch nach fauliger Süße weht durch die Luft. Nach einer ersten Analyse werden die Hände der Jungfrau zupacken und wie immer wird sie ihre exakten Systeme zur Vorratshaltung walten lassen und Ordnung machen in diesem Durcheinander von allem, was vom Sommer übriggeblieben ist. Nicht alles ist verwertbar, was so herumliegt, zu schwer gewordene Träume und allerlei Illusionsspuk wirft sie in die Luft, manch einen Schmerz läßt sie beim faulen Obst liegen, Liebe, die noch glüht, klaubt sie auf und berwahrt sie in ihrem Herzen bis ihre Zeit reif ist. Behutsam und liebevoll wird sie die Gaben mit ihren heilenden Händen ordnen und sie zu gegebener Zeit an Waage weiterreichen.

Unter einem Busch kriecht Löwe hervor, müde legt er seinen mächtigen Schädel auf ihre Knie, behutsam streicht ihre Hand über sein struppiges Fell. Du hast mir Dein Geheimnis anvertraut  und Du weißt, ich werde es gut behüten … ihr goldener Kamm gleitet durch seine verfilzte Mähne, sein Leib dehnt und streckt sich, ein kurzes rauhes Brüllen, und schon ist er auf und davon, in großen Sprüngen über die Hügel.

Der ganze Tag war düster, auf einmal funkelt es golden durch die Regenwolke, ein letzter Hauch warmer Sommerwind spielt mit ihrem Haar und streichelt ein Lächeln in ihr Gesicht. Du Gaukler, denkt sie.

wish

Aus dem „Mond der reifenden Beeren“ ist längst eine Sichel geworden, das Rad dreht sich weiter, nach dem 63. Geburtstag kommt das 64. Lebensjahr. Nichts bleibt, gar nichts, alles vergeht und ändert ständig seine Gestalt. Der Körper wird weiter verfallen, um sich irgendwann abzustreifen und davonzufliegen. Wilde Kräfte sind am Werk, der Feuerdrache bläst heisse Wüstenluft über das Land, das schon nach Herbst riecht. Aber „noch“ ist Sommer. „Noch“, nicht mehr abzuschütteln wie „Seniorin“ und so manche andere Gemeinheit. Wenn schon, dann müsste es „DENNOCH“ heißen! Dennoch tanzen, dennoch schreien, singen, jauchzen, spinnen, in den Wald laufen, die Dinge verwandeln, Freude in die Augen der Menschen zaubern, aufregen, trommeln und nicht aufgeben, weiterhin Didgeridoo zu lernen, grad extra! Ja, und „Schreiben als Dennoch“, wie es der versteckte Poet formuliert hat, der leider noch immer verstummt ist, ich vermisse ihn!
Und dennoch die Musik laut aufdrehen und einen dieser wilden jungen Männer mit den alten Gesichtern singen lassen.
Es gibt junge, wilde Männer mit jungen Gesichtern, die wunderbare Musik machen, in der ist die wilde, ungestüme Kraft des Aufbruchs, alles beginnt neu und sie stürzen sich in das Leben, das vor ihnen liegt, alles wird sich erst formen, alles ist noch möglich… lieben tu ich die jungen Männer mit den alten Gesichtern, denen man das Leben ansieht, das sie gelebt haben, und in deren Musik alles ist, was ein Mensch erleben kann, die ganzen Freuden, aber auch die Einsamkeiten und all die Schwere der Existenz. Alles, alles und dennoch!
Bei einem dieser alten, jungen Männer geschieht dieses Wunder, das nicht zu erklären ist, ein Phänomen, das ich nur Liebe nennen kann in Ermangelung jeglicher Begrifflichkeit, einer der so Musik macht, muß ein übervolles Herz haben!
David Gilmour rettet mir förmlich das Leben, sobald er den ersten Ton spielt!

Ich möchte dieses Erlebnis gern mit Euch teilen als Dank für die lieben Worte und Wünsche und was noch so alles daherkam, um mich trotz Melancholie in mein neues Lebensjahr hinüber zu schubsen, hab mich sehr gefreut darüber und überhaupt freue ich mich immer sehr über alles, was Ihr hier hinterlasst, auch über die bunten Bildchen, jeder Klick erscheint mir wie ein Lichtzeichen aus fernen Galaxien, herzlichen Dank an alle und Eure wertschätzende Beachtung!

Und nun Bühne frei für den großen Zauberer!

Canzun de Sontga Margriata

Drachen seien älter als die Welt, hat mal wer geschrieben, ja, das glaube ich sofort.
Auf der ganzen Welt gibt es Drachen. Auch hier, in Oberbayern, sollen sie vorkommen, dachte man wenigstens in alten Zeiten und erzählte sich Geschichten. An mehreren Orten soll es den „Tatzelwurm“ gegeben haben und wenn man mal den ganzen romantischen Monsterkitsch weglässt, der ihm aus Gründen der Touristenbegruselung angedichtet wurde, dann wird dahinter in Drachengestalt eine mächtige, Alte Kraft sichtbar. Über das Land ist ein dichtes Netz von Kirchen gespannt, die der Hl. Margarete geweiht sind, und die führte den Drachen an lockerer Leine. Die Hl. Margarete, eine der Drei Ewigen, mächtige Zauberin, Fee, Hüterin der Alten Wilden Kraft, die zwar gezähmt, aber an sehr lockerer Leine an ihrer Seite tänzelt, ja, Margarete, die mit dem Drachen tanzt! Kirchen wurden nur an Orten mit besonderen Kräften gebaut. Wie alles zusammenhängt: Linien der Kraft, heilige Orte, die Drachenspur…niemand kann heute mehr sagen, um was es da genau geht, das, was an Wissen über die Mysterien der Alten Kräfte übrigblieb, nachdem unzählige weise Frauen und Männer im Mittelalter verbrannt oder förmlich abgeschlachtet wurden, das haben die Winde der Gezeiten verweht.
Heute können wir nur noch behutsam die sogenannten Orte der Kraft aufsuchen und versuchen, zu spüren und zu horchen und uns nicht dem reisserischen Erlebnisdrang hingeben…denn wir finden nur uns selbst und wir bekommen das, was wir mitbringen…und doch…es gibt schon sehr besondere Orte, wo wir die Chance bekommen, ein wenig genauer zu spüren, was ist…es ist nicht zu erklären, was genau da passiert. Ich ahne es mehr als ich es weiß, ich muß der Spur der Margarete folgen, oder ist es die Spur des Drachens und ich weiß nicht einmal, wo es mich hinbringen wird…im Höchstfall zu mir, so hoffe ich.
„Erkenne dich selbst“, stand im Orakel von Delphi und soll die Antwort auf die Großen Mysterien sein.
Auf der Spur der Margarete bin ich zur uralten Geschichte der Sontga Margriata gestossen, in vorchristlicher Zeit soll sie auf einer Alm am Kunkelspass in der Schweiz gelebt haben und es gibt dieses geheimnisvolle Lied über sie in rätoromanischer Sprache…da arbeitet eine „Diale“ (räroroman. für ein feenartiges, nichtmenschliches weibl. Wesen), eine mächtige Zauberin verkleidet als Sennbursche auf einer Alm ganz hoch droben und weil sie nicht respektiert wird verschwindet sie…alles Glück geht mit ihr fort…

Schmerzensmann

Wie schnell und immer schneller wir doch durch die Zeit schießen…Ostern vorbei, die Passionswoche, der Kreuzweg, die Parabel vom Leiden und grausigen Sterben eines Menschen, der wohl bis zum Schluß auf die Hilfe des göttlichen Vaters gehofft hatte. Schreckliche Ahnungen in der Nacht am Ölberg und das Ende, die fürchterliche letzte Konsequenz: keine Rettung für einen gewöhnlich Sterblichen. „Vater, warum hast Du mich verlassen?“ Weil Er nicht „rettet“, das ist nicht vorgesehen. Wir sind im Großen Kreislauf doch auch nichts anderes als kleine Zellen, die sich neu bilden und wieder absterben, alles wandelt sich ständig, aber wir sind wohl die einzigen Zellhaufen, die an einer Form festhalten wollen und mit aller Kraft, die wir haben, ignorieren, daß wir bereits an den Rändern ausfransen…wir laufen doch nur für einen Augenblick durchs große Weltenbild, im Höchstfall ein kurzes Aufleuchten und schon sind wir weg. Erst durch eine „Diagnose“ bekommen wir dann sozusagen das Todesurteil und dann schwitzen wir am Ölberg Blut und Wasser, denn jetzt wissen wir, wir sind sterblich. Und die Freunde am Ölberg haben geschlafen, ja, denn wer will schon dem eigenen, drohenden Tod ins Auge schauen im anderen Menschen?

Durch die Passion hat mich ein Spruch begleitet, wie ein Koan trage ich ihn in mir, manchmal ist mir, als würde eine Tür aufgehen, nur einen Spalt, aber sobald ich hinsehe, ist sie schon wieder verschlossen: „Werdet Vorübergehende.“ Einer der vielen umstrittenen, sehr rätselhaften Worte Jesu in den sogenannten „Apokryphen“, warum sich grad der Spruch mir angeheftet hat, weiß ich nicht, jetzt ist er da und begleitet mich.

Ja, natürlich, es gibt dann die Auferstehung, das Ende einer Parabel, das besagt, daß es kein Ende gibt. Interessanterweise legen hierüber die äußersten Randfiguren der Geschichte Zeugnis ab: Drei Frauen bemerken das leere Grab und sie haben die heilige Ahnung, daß soeben der Tod überwunden ist. Die Ahnung sei Ihnen von Engeln eingeflüstert worden…naja…wer´s glaubt!…Vielleicht haben sie es ja bemerkt, weil sie es ursprünglich wussten: die Erste spinnt den Faden, die Zweite reicht ihn weiter, die Dritte schneidet ihn ab, während ihn die Erste schon wieder gesponnen hat…und sind doch alle drei die Eine! Und alles, alles dreht sich im Kreise auf uralte Weise – und – das Ende hat stets den Anfang im Mund.

Das Göttliche Geheimnis hat kein Geschlecht, nicht wirklich, aber das Kind in mir sucht nach Bildern. Ich bin kein religiöser Mensch und mißtraue den gängigen Glaubensparolen und doch bin ich wohl eine Gottsucherin geblieben. Und ich suche vor allem die Spuren der alten Muttergöttinnen, vielleicht deshalb, weil ich meine Mutter schon so lange verloren habe. Und überall, wo SIE ist, ist auch ER, von Ihr geboren, Göttin und  Schmerzensmann, so als müsste ich Seine Geschichte erfahren um Sie zu verstehen? Nichts darf ausgelassen werden auf dem Weg, alles muß erfahren werden, Verrat, falsche Hoffnungen, Krankheit,  Einsamkeiten, Tod und Leben, Liebe, Freude…alles sollten wir durchtanzen, nirgends bleiben, weiter und weiter die Zeiten und Räume durchwandern im ewigen Tanz durch den Weltenkreis. Frei wie der Wind  möchte ich leben, manchmal ein Sturm, peitsche ich Wellen, reisse die Dächer von den Häusern, als lauer Wind streiche ich sanft über Blumenköpfe, so frei, frei bin ich, meine Gedanken versetzen Berge , bringen Vulkane zum Explodieren, lassen Wunden heilen und mein wildes Lachen läßt mich auf Wolken springen…so wild und frei tanze ich mit dem Drachen…trotz alledem!

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Aquarius…

Steinbock hat alles in Ordnung gebracht, hat die Vorräte aussortiert und nur das Wesentliche behalten, um das Überleben in dieser kargen Jahreszeit zu sichern, bevor der wilde Wassermann mit seinen verrückten Ideen die Regentschaft übernimmt, denn der hat bestimmt keine Zeit, sich um so banale Vorratshaltung zu kümmern.

Das neue Licht, zur Wintersonnwend geboren, wurde von Steinbock geprüft und hat standgehalten, um dann im Wassermann zum zündenden Funken, zum Gedankenblitz zu werden.

Der Wassermann, ein fixes Luftzeichen, war als Wasserträger hinauf bis in die schwindelnden Höhen des Olymps tätig, er brachte den Göttern das Wasser. Ein besonderes Wasser: das Wasser des Lebens! Und – wie ich meine, auch das Wasser der Erkenntnis! Und das kam wahrscheinlich nicht von ungefähr, denn die Götter bedurften seiner, nicht auszudenken, was ohne den Wassermann aus ihnen geworden wäre!

Also, keiner hätte sich das getraut, soweit hinauf zu steigen, das geht nur mit einem absolut freien Geist und nur, wenn einer sich traut, gänzlich über sich selbst hinaus zu wachsen, Materie und Grenzen hinter sich lassend!

Wassermann sagt uns:

Ich möchte Grenzen überbrücken,

ich tanze gerne aus der Reihe, trotzdem verbinde ich mich mit Euch allen, kommt, laßt uns gemeinsam eine Neue Welt erschaffen, wir gründen Netzwerke,

laßt uns für Freiheit kämpfen, und für Humanität,

ich stehe über den Dingen, bin meiner Zeit weit voraus,

Kommt mit mir! Einer für Alle, Alle für Einen!

 

In kalter, klarer Luft stehe ich schon wieder auf der Schwelle, zu Erdschwere verurteilt, da  trifft mich wie ein Lichtblitz die Erkenntnis, lauter falsche Lebensentscheidungen getroffen zu haben, nichts mehr ist rückgängig zu machen, mit Überschallgeschwindigkeit rase ich durch die verbliebene Lebenszeit, bald werde ich verglüht sein und als Staub herumliegen bis ein Wind kommt…

Wilder Wassermann, was rätst Du mir?

„Eine Närrin mußt Du sein, denn nur so rettet man sich und die Welt – indem man sie zum Narren hält!

Komm, Närrin, zieh Dein Federkleid an und flieg mit zur Insel, denn da bauen sie grad an Luftschlössern, es müssen noch viel mehr werden, da kannst du endlich was Sinnvolles tun, schnell, beeil dich, wir dürfen keine Zeit verlieren !“ Ja, das leuchtet mir ein, was gäbe es Wichtigeres zu tun…

 

 

 

Capricornus

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Eine fahle Sonne scheint durch ein Loch im grauen Himmelsbeton.

Steinbockzeit, karge Zeit. Alles ist nach innen gerichtet, dort sammeln sich die Kräfte, angeblich. Im Außen ist Januar, ein unentschlossener Winter haut tonnenweise Schnee her und leckt ihn dann mit Regengüssen und Föhnstürmen schnell wieder weg. Die Welt zeigt ihr wahres Gesicht, das, was später unter Blumenfluten und Dekoartikeln versteckt wird, kahle Häuserfronten zeigen sich ehrlich und scheußlich und entlarven somit  jeden Versuch, was besseres draus zu machen, als Lug und Trug. Um das alte Haus herum führen Igelspuren, die anzeigen, daß ein Igel immer alles gleichzeitig macht: Essen und kacken, essen und kacken, am meisten natürlich um die Katzenschüsseln herum.

Im Winter zeigt das Haus all seine Wunden und Verletzungen, überall hat es Risse und bröselt vor sich hin, die Jahrhunderte zerreissen das Holz, machen das Dach undicht, treten die Schwellen schief und blasen durch die geschlossene Haustür den Schneewind herein. Da liebe ich das Haus am meisten, wenn es in dieser schonungslosen Wahrhaftigkeit diese verletzte Schönheit zeigt und dadurch auf die Endlichkeit aller Dinge hinweist.

Mit starken Mauern fest auf dem Boden stehen, aber auch die Grenzen zu kennen. Ist das nicht auch die Steinbockqualität: Diese mächtige, zähe Kraft, die unter schwierigsten Bedingungen überleben läßt, die wie ein Fels den Naturgewalten trotzt, sogar der Zeit? Ja, eine Offenbarung, aber nur für diejenigen, die mutig genug sind, dem Leben ins Gesicht zu schauen. Genau hinschauen auf das, was angepackt werden muß, das sagt Steinbocks Herrscher Saturn,  Herr der Zeit, alter Weiser, Eremit.

Ja,ja, so Vieles schiebe ich hinaus und vor mir her, alles was mich ängstigt und das ist eh fast alles. Du mußt hinschauen, sagt Saturn zu Steinbock und du trägst eine schwere Verantwortung, du mußt das Wesentliche erkennen.

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Ach, aber ich bin kein Steinbock und ich haue ab vor dieser Verantwortung, meine Güte, was ist denn nur das Wesentliche, jetzt bin ich so alt geworden und weiß es immer noch nicht. Ich denke an das Märchen von der Baba Jaga, das ist eine Uralte, Grausige, die lebt im Wald und ihr Haus steht auf einem Hühnerknochen und sie kann Menschen versteinern lassen und ihr heilendes Licht können nur die bekommen, die durch harte Prüfungen gehen und Mut haben. Komisch, trotz aller Schrecken ist mir die alte Baba Jaga sympathischer als dieser strenge Herr Saturn.

Und dann sehe ich diesen majestätischen Steinbock, der ganz oben in den Bergen auf einem Felsenvorsprung steht und sich nicht bewegt, schaut, steht und schaut. Dort oben am Rand der Vegetation ist sein Reich, mühsam und karg, aber dort oben wachsen auch die Kristalle im Verborgenen.

Bevor ich endlich mal das erledige, was ansteht, nämlich, das Haus zu putzen und etliche sehr gefürchtete Untersuchungen über mich ergehen zu lassen, fällt ein Buch von Jan Costin Wagner aus dem Regal: „Eismond“, und ich gerate in den Sog der Geschichten um Kimmo Joentaa, dem jungen melancholischen Polizisten in Finnland und nach Ausschlürfen des vierten Buches habe ich eine Art Dejavu, ich sehe mich in diesem Haus sitzen und lesen, eintauchen in Geschichten und ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich wieder nichts von dem erledigt habe, was ansteht und trotzdem in den Büchern verschwinde…so, als wären nicht fünfzig Jahre vergangen…so, als hätte ich das Buch gar nicht aus der Hand gelegt…

Was ist das Wesentliche?  Was bleibt denn übrig zum Überleben in diesem Mysterium von Zeit und Materie, wenn wir alle tauben Nüsse aussortiert haben?

Auf einmal brennt der Himmel!

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Alte Weiber…

„Altweibersommer“ heißt hierzulande die Zeit des vergehenden Sommers in den Herbst hinein, eine meist warme, trockene (hoffentlich!) Zeit nach der Ernte vor dem ersichtlichen Stillstand der Vegetation im Winterhalbjahr.

Im Herbst segeln junge Baldachinspinnen durch die Luft, deren Fäden erinnern an die silbernen Fäden im Haar der alten Weiber. Da es aber ähnlich viele alte Männer gibt, besteht die Frage, warum es die Frauenhaare sind, an die erinnert werden soll? In Zeiten, in denen alles, was über 41 Jahre alt ist, schon zur „Überalterung der Gesellschaft“ zählt und die Weiblichkeitsform „nicht der Rede wert“ ( Luise Pusch ), da sind „Alte Weiber“ eine Verunglimpfung!

Beim Erforschen alter Geschichten bin ich auf Spuren gestoßen, die zu weisen alten Frauen führen, Schicksalsspinnerinnen, die drei Nornen oder Parzen, die späteren christianisierten Heiligen Madln ( Katharina, Margarete, Barbara ), von denen eine den Lebensfaden spinnt, die zweite ihn zum Lebensmuster verwebt und die dritte ihn abschneidet, während die erste ihn schon wieder gesponnen hat im ewigen Kreislauf Leben – Tod – Leben. Nicht umsonst heißen sie die „Drei Ewigen“. Was dies mit Altweibersommer zu tun hat? Sehr viel, wenn man die mögliche indogermanische Herkunft der Worte bedenkt:

Weib     :    sich drehend,  schwingend bewegen,

weiben:    verknüpfen der Fäden,

alt          :   weitergebildet, aufgewachsen

All dies führt auf die Spur der weisen alten Frau, langsam entsteht das Bild einer uralten Göttin, der Allmutter, Altmutter, die aus sich heraus die Fäden spinnt, sie selber abtrennt und durch die Luft fliegen läßt. Margarete Petersen erzählt in ihrem zauberhaften Buch „Narrensprünge“ die Geschichte der mächtigen Spinnweberin “ Arachne“, die merkwürdigerweise in unserer mittleren Hirnhaut „Arachnoidea“ weiterlebt.

Meine Erklärung für den Begriff „Altweibersommer“ ist eine Ahnung von der Macht, die angeblich von diesen alten Weibern – von uns alten Weibern – mal ausgegangen ist, die so gefürchtet war, daß man sie lächerlich machen mußte ab Zeitpunkt der Machtübernahme des patriarchalischen Gottes.

Ob da was dran ist, daß die echten Visionen erst dann möglich werden, wenn das Blut nicht mehr aus uns herausfließt, sich inwendig konzentriert zur visionären Schau auf die Großen Mysterien…?

Im Jahreskreis kommt es sicher nicht von ungefähr, daß vor dem Altweibersommer der „Frauendreissiger“ liegt, die stärkste Zeit zum Sammeln von Zauberkräutern, die Gottesmutter höchstpersönlich spendet heilbringenden Segen, ausgehend vom Hohen Frauentag am 15. August: Das Konzentrat eines Jahres wird eingesammelt, danach ist Zeit für die nächste Dimension, die spirituellen Welten…ja, es ist die exakt richtige Zeit dafür.

Erst nach Einbringen der weltlichen Ernte beginnt die Große Freiheit zu fliegen, wohin wir wollen.

 

 

Segne, was du erntest!

Die Zeit scheint immer einen Schritt voraus zu sein und ich hechle ihr hinterher.

Seit bald zehn Tagen wandelt die Sonne durch das Zeichen der Jungfrau, von der man sagt, daß sie die Welt als einen besseren Ort verläßt als sie ihn vorgefunden hat. Hinter dem konventionell eher faden Bild der Jungfrau verbirgt sich das Bildnis der Mutter des Universums, die seit 15000 Jahren vor der Zeitrechnung überall auf der Erde als das höchste Wesen verehrt wurde. Sie hatte viele Namen und viele Gesichter, SIE selbst ist das Universum,  und alles existiert als Manifestation Ihres Geistes und lebt nach Ihren Rythmen und Gesetzen. Die Göttin ist die letztendliche eine, Sie ist Jegliches und Alles zur gleichen Zeit.

SIE sieht Vergangenheit und Zukunft, während Sie über der Gegenwart verweilt.

Dieses Attribut ist eine der stärksten Eigenschaften von jungfraubetonten Menschen:  sie haben die Fähigkeit, sich in ihrem Verweilen in der Gegenwart  auf vergangene Erfahrungen zu beziehen und dabei zukünftige Konsequenzen berücksichtigen zu können. Aus der Gegenwart zurück- und vorausschauen. Mit ihrer tiefen und klaren und weisen Einsicht in die Bedingungen des Lebens bändigt Jungfrau die ungestümen, wilden Kräfte von Feuer und Wasser des Sommers, gibt Erdenform und Struktur, ordnet die Gaben und plant für den Winter.

Sie sagt: „Erntet und sammelt jetzt, was ihr gesät habt, dankt und segnet das, was euch geschenkt wurde und vergesst nicht, zu teilen! Bald werde ich an meine Schwester Waage das Zepter abgeben. Waage steht am Tor zur Dunkelheit – hinter ihr wartet die Skorpionin in ihrem Boot, um Euch über den Fluß in ihr dunkles Reich zu begleiten.“

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Der Weg des Herzens

Seit dem 23. Juli durchwandern wir Löwe, das Zeichen der Sonne, das Herz des kosmischen Menschen. Löwe bringt sichtbar hervor, was Krebs als kreatives Potential ermöglicht hat. Die Blüte hatte sich zur Frucht gewandelt, ist überreif zu Boden gefallen und ergießt sich in ihrer ganzen Fülle über die Welt.

Löwe heißt:  Hitze, Leidenschaft, Herzensfreude und Liebe im Übermaß zu haben und aus vollem Herzen zu verschenken, sich zu verströmen, sich zu „vergeuden“, in dem sicheren Bewußtsein, es ist genug da für alle!

In der Dreigestalt der Göttin verkörpert Löwe die Mittlere, die den Faden weiterreicht, die Frau in den „besten Jahren“, in der Glut ihrer Herzenskraft, die Frau, die die Früchte ihres Lebens genießen darf.

Das wärmende Feuer, alle sind wir nun aufgerufen, es anzuzünden und zu bewahren, ALLE! Denn  manch ein Löwe blieb schon leicht fröstelnd an der vergehenden Glut alleine hocken, nachdem sich alle Frierenden von seinem Herzensfeuer holten, um mit hell leuchtenden Laternen wieder zu verschwinden, ja, ich weiß, von was ich rede! Auch Löwen brauchen Liebe, Anerkennung, Lob und das Gefühl, einmalig zu sein und von großer Wichtigkeit, dann erhellt ihr Strahlen die Welt! Glaubt mir!

Kommt, laßt uns die Früchte des Sommers genießen, laßt uns aneinander entzünden und unsere Feuer brennen, ganz egal was war, was noch passiert, JETZT wollen wir uns freuen aneinander und miteinander und einen Freudenschrei tun und einen Luftsprung machen und mit Alexis Sorbas, dem weisen Griechen sagen: „Gott hat dir die Welt nicht gegeben, damit du ihr entsagst, sondern damit du sie feierst!“

LEBE! LIEBE! LACHE!

Ach Virgilio…

Komisch, Virgilio, ständig blitzt mir abends dieses Fenster entgegen, früher ist mir das nie aufgefallen. Mir ist ein bisschen, als hätte ich Dich gekannt, was ja nicht sein kann, nicht wahr, zwischen uns lagen schließlich die Alpen. Mir ist, als würde ich Dich vermissen, Virgilio, aber auch das kann nicht sein, wir kannten uns ja nicht. Ich trage seit Jahrzehnten einen Terminkalender mit mir herum, der, zum Hineinschreiben völlig unbrauchbar, aber zum Herauslesen lebensrettend ist. Du weißt, über manch einen Tag trägt uns nur die Poesie, nicht wahr?

Hier, am Nordrand der Alpen, staut sich gerade die  Sehnsucht nach dem Süden, die sich vorher durchs Land bis zu uns heruntergewälzt hat. Auto für Auto  wird unter dem Gebirge hindurchgezerrt, um dann irgendwo am Meer das Eigentliche zu erleben…das, wovon alle träumen…

Wovon wirst Du geträumt haben? Auf einem Foto sehe ich schwarze Augen, ein gescheites Gesicht… ich lese: Altphilologe, promoviert, Schriftsteller, Lektor, Freund, Regenschirmvertreiber… Du hast über mythologischen Themen geforscht, Deine Arbeit über Pan hätte mich interessiert.

Der Poet ist gegangen, sein Werk hat er dagelassen. In jedem Gedicht ist eine Pforte verborgen, allein der Wunsch öffnet die Tür… die Geschichte beginnt mit Antworten auf Fragen, die man nie gestellt hat.

Ciao, Virgilio!

 

Nachts

Ich möchte dass es nie mehr Sommer wird

dass der Regen nicht aufhört die Birken

ihr Grau behalten der Asphalt den

Scheinwerferglanz

vor dem Wind die Läden ver-

riegeln im Turm von den Balken es

lesen Was weiss ich? dann draussen wir

schwarzweiss

das Pflaster gehn durch einen

Film ohne Tonspur doch wenn du

aufsiehst im Kreuzungslicht

diese bläulichen

Kreise hinter den Wimpern und wie dir´s

in die Stirne fiele das Rot.

Virgilio Masciadri

 

(mein herzlicher Dank an die Poesie-Agenda des Orte Verlags für´s Ausleihen!

www.orteverlag.ch)

 

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