Mein Vater, der Tod und Jesus in der Stube

Oft vermisse ich die langen Gespräche „über Gott und die Welt“, die früher einfach dazugehörten zum Leben, vor allem hier in der Stube des alten Hauses. Erscheint es mir nur so, oder interessiert sich niemand mehr für diese Fragen um Leben und Tod und warum wir denn hier sind auf dieser Erde und was denn vor uns war? Oder hat einfach niemand Zeit, oder hat bereits jeder das Gesuchte schon gefunden? Manchmal befürchte ich, so ziemlich alleine übriggeblieben zu sein mit meinen zweifelnden Fragen mitten hinein in die großen spirituellen Geheimnisse, religionsverweigernd und gottsuchend gleichermaßen. Eine Agnostikerin auf meine spezielle Art, nichts glaubend, alles für möglich haltend, hungrig …

Oft saßen mehrere um den Stubentisch, und ganz egal, womit das Gespräch begonnen hatte, Politik oder mittelalterliche Kunst, irgendwann landete es beim Ärger meines Vaters über die Kirche, die ihm verlogen erschien, weil sie von ihm einen Glauben verlangte an Dinge, die sie selbst nicht beweisen konnte. Und dann war man beim Lieblingsbuch meines Vaters: „Jesus in schlechter Gesellschaft“ vom hochverehrten Adolf Holl, der deshalb aus dem Kirchendienst als Priester entfernt wurde.

Wie ich sie liebte, diese hitzigen Gespräche in langen Nächten über Bibelstellen und Texte aus den verbotenen Büchern der Apokryphen, und darüber, was denn Jesus in den 33 Jahren so machte, darüber stand ja nichts geschrieben … die Frauen um Jesus, ein Lieblingsthema von Pfarrer Hermann, das unterbrochen wurde von seiner bildhübschen runden Köchin, die dann sagte: komm jetzt Hermann, wir müssen ins Bett, Du hast morgen Frühmesse …

Einmal hat sich mein Vater von seinem Freund Leopold , den er wegen seiner angeblich „ewigen Polemisiererei“ nicht mochte, aber dennoch an ihm hing, um 22 Uhr verabschiedet. Um drei Uhr morgens standen sie immer noch mitten in der total verqualmten Stube, in ein Streitgespräch über die Frage, ob Jesus nun Gottes Sohn war oder nicht so heftig verwickelt, daß sie sich weder hinsetzen noch auseinandergehen konnten …

Meistens kam am Ende dieser langen Abende auch die Sprache auf das Sterben und manch eine große Angst wurde mit Bier hinuntergespült und wir waren alle froh, uns zu haben und beisammen sitzen zu können. Jetzt sind die Freunde von damals tot. Als ich meinen Vater im Krankenhaus besuchte, ein paar Tage bevor er sich auf die Große Reise machte, da erzählte er mir von einem Traum … der Boandlkramer (Tod) sei ihm erschienen und habe ihn sehr freundlich angesehen, gar nichts Bedrohliches sei von ihm ausgegangen. Nein, er habe nichts gesagt, nur freundlich gelächelt. „Wir müssen irgendwo dieses Ölgemälde haben, da steht ein Bergsteiger im Gebirge und der Tod hält das Seil und es ist, als tät er ihn beschützen und er schaut genauso aus wie in meinem Traum … ich weiß nicht mehr, ob ich es selbst gemalt habe oder der Max (sein Bruder), brings mir doch mit , wenn Du wiederkommst!“ Ja, und ich habe das ganze Haus abgesucht, in jeden Schrank mehrmals hineingesehen, alles umgedreht, nichts. Ich konnte dieses Bild nicht finden.

Und dann ist mein Vater gestorben.

Ein paar Wochen später öffne ich eine Schranktür und es liegt einfach so da.

 

13 Gedanken zu „Mein Vater, der Tod und Jesus in der Stube

  1. Das berührt mich alles sehr. „Eine Agnostikerin auf meine spezielle Art, nichts glaubend, alles für möglich haltend, hungrig …“ Und die Sache mit dem Bild. Und dies Bild selbst. Die einzige Übriggebliebene bist du nicht.

  2. Ich selbst könnte dein Vater sein, mit seinem Wettern!

    Letzhin hörte ich im Radio (DLF?!), daß man als 65-jähriger Mann noch 17 Jahre im Schnitt vor sich hätte.
    Das ist nicht viel…17 x Frühling.
    Man kann es abzählen.

  3. Rumms. Ja, wir sind die letzten Mohikaner, deren gewohnte Welt versinkt. Der Gedanke ist mir nicht fremd. Und dass es letztlich darauf hinausläuft, eine kleine wichtige kulturelle Wahrnehmung (und sei es nur im „sich erinnern können“)fürs Ende aufzuheben: Egal ob Gemälde, Buch, Song…

    ich hätte da auch ein Gemälde… aber…daraus wird ein nächster Post…hast mich gerade inspiriert.

  4. Die Geschichte mit dem Bild rührt mich sehr an, ich stimme zu, der Tod schaut beschützend aus und nun habe ich Gänsehäute …
    Nichts glaubend und alles suchend, das ist vielleicht so ein Zeichen unserer Zeit?
    liebe Grüße, Ulli

  5. Wie wunderbar, dass du diese endlosen Gespräche in der guten Stube erleben durftest – und uns dies so lebendig beschreibst – mit runder Köchin und hitzigen Nächten… Da kommen auch bei mir Erinnerungen hoch. Und dann diese Geschichte zum Sterben deines Vaters. So persönlich wie tröstlich. Danke dir.

  6. Oh ja, diese schönen, langen, aufregenden, hitzigen oder stillen, nachdenklichen, liebevollen oder fröhlichen Gespräche, die oft bis in die frühen Morgenstunden dauerten, vermisse ich auch.
    Sehr.
    Wie seltsam diese Geschichte mit dem Bild doch ist.
    So seltsam und so schön.

    1. Vielen herzlichen Dank für diesen wundervollen Kommentar, liebe Rosie! Schade,daß Du nicht so grad mal um´s Eck rum wohnst, sonst hätt ich nämlich sofort das Bier kaltgestellt und Dich gefragt, ob du nicht kommen magst zu Wurstsalat und viel viel reden und lachen und nixsagen oder wie es sich halt grad so ergibt! Solltest Du zuuuufällig mal auf irgendeiner Reise den Südosten der Republik streifen, bitte melde Dich, bei uns ist der Tisch gedeckt für Dich!
      Viele liebe Grüße Margarete

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